Haaland und die „positive Energie“

von Redaktion

Auf einmal ist der BVB eine ganz andere Mannschaft – trotz aller Schwächen

VON GÜNTER KLEIN

München – Die drei Tore, die Erling Haaland bei seinem Debüt in der Bundesliga erzielte, waren gar nicht mal so außergewöhnlich. Ein Schuss aus der Drehung, ein Abstauber und aus einem Sprint heraus, bei dem er sich von den Verfolgern nicht irritieren ließ – für einen guten Mittelstürmer handelsüblich. Wie Haaland, 19, Norweger, bislang in Österreich zu seinen Treffern gekommen war, das hatte man in seinem Jahr in Salzburg sehen können, die Videos führte man sich auch beim FC Augsburg zu Gemüte. „Als Haaland ins Spiel kam“, sagte FCA-Trainer Martin Schmidt, „war er einfach ein Stürmer, den wir verteidigen wollten.“ Ihn live zu erleben, das warf die Schwaben aber um. Sie hatten 3:1 geführt, als Dortmunds Neuer in der 56. Minute das Spielfeld betrat, sie verloren 3:5. Schmidt plakativ: „Der Haaland-Schock.“

Der Teenager, geboren in England, aufgewachsen in Norwegen, früh gereift in Österreich, hinterließ den Eindruck, dass er einer ist, der ein Spiel verändern kann. Grundlegend. Schon seine Körperlichkeit ist beeindruckend. Er ist groß, aber nicht schwerfällig, sondern „brandschnell“, wie es BVB-Trainer Lucien Favre ausdrückt. Weil er die meisten anderen Spieler körperlich überragt, zieht er ein wenig den Kopf zwischen die Schultern, als wolle er sich der gegnerischen Aufmerksamkeit entziehen – bis der Ball in seine Nähe kommt. Dann ist er sofort in seinem Element. „Ich will positive Energie ausstrahlen“, sagt er über seine Spielweise. „Die Körpersprache ist 1a, sie könnte nicht besser sein“, lobte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Er gratulierte Haaland in der Kabine. Die Entgegnung des Norwegers: „That is the reason why you bought me.“ Dafür habt ihr mich gekauft. Zorc: „Und da hat er natürlich Recht.“

Mit seiner wuchtigen Premiere verhinderte Haaland, dass Borussia Dortmund gleich am ersten Rückrundenspieltag aus dem Meisterschaftsrennen fiel. Ohne Haaland wären die Themen andere gewesen: stümperhafte Chancenverwertung (Zorc: „Wir müssen 4:0 führen, bevor Augsburg das 1:0 macht“), dilettantische Abwehrarbeit. „Sie macht mir Sorgen, so kann man seine Ziele nicht erreichen“, erklärt Zorc.

Mit Haaland kann sich vieles ändern, denn er ist ein völlig neuer Baustein. Lucien Favre: „Wir spielen oft quer, quer, quer – und dann ist der Ball weg. Mit Erling kann man auch mal direkt nach vorne spielen.“ Der BVB gewinnt mit ihm einen klaren Zielspieler, solch ein Typ fehlte in Favres Konglomerat aus falschen Neunern. „Mit Haaland“, sagte der Augsburger Trainer Martin Schmidt, „hat sich die Statik des Dortmunder Spiels sofort verändert.“

Dabei wurde der 20-Millionen-Euro-Einkauf von Favre für noch nicht fit erklärt. „In den ersten vier Tagen des Trainingslagers habe ich ihn gar nicht gesehen, denn er war verletzt.“ Michael Zorc erinnert daran, „dass sein letztes Spiel mit Salzburg am 10. Dezember war“.

Mit 19 sollte er schnell in seine gewohnte körperliche Form kommen, dann wird er auch unter dem zaudernden Favre bald fest in der Startaufstellung verankert sein. Paco Alcacer, der andere Stürmer, stand nicht im Kader, der BVB wird ihn wohl erübrigen können. Lucien Favre fühlt sich ohnehin zur Verjüngung ermutigt, neben Haaland gar Eigengewächs Giovanni Reyna, seit zwei Monaten 17, sein Debüt. „Um seine Fähigkeiten nicht zu erkennen, müsste man blind sein“, sagte ein Favre, der „nur über das Positive reden“ wollte. Erling Haaland hat auch ihn schon verändert.

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