Handball-Bundestrainer Prokop

Eine Frage der Erfahrung

von Redaktion

PATRICK REICHELT

Natürlich hat Christian Prokop die Gunst des schönen Augenblicks nach dem Kantersieg gegen EM-Gastgeber Österreich genutzt und zurückgeschlagen. Den Bundestrainer zu hinterfragen, nach dem Aus durch eine Herzschlagniederlage gegen Kroatien – ein Unding, so fand der Coach der deutschen Handballer. Unmut, den man vor allem zu diesem Zeitpunkt nachvollziehen kann. Keine Frage: Prokops Ballwerfer haben bei den kontinentalen Titelkämpfen eine ordentliche Entwicklung hingelegt. Einer erschreckenden Vorrunde folgten mitreißende Auftritte in Wien. Wenn das auch in den beiden abschließenden Einsätzen so bleibt, wird der Eindruck, der von dieser Europameisterschaft bleibt, ein positiver sein.

Und doch muss sich Prokop kritische Blicke auf sein Wirken gefallen lassen. Denn klar ist auch: Die deutschen Karten standen bei diesem Turnier schon durch die Auslosung so gut wie selten. In sieben Spielen traf man letztlich nur auf zwei Handball-Schwergewichte. Hätte man nur eines der beiden geschlagen, man würde am Wochenende in Stockholm wohl nach Edelmetall statt Platz fünf greifen. Doch: Gegen Spanien war die DHB-Auswahl chancenlos. Kroatien wird als Bild des hinreißenden Scheiterns in Erinnerung bleiben. Wobei halt auch Prokop in jener verhängnisvollen Schlussviertelstunde keine zündende Idee zu haben schien, mit der sich die kroatische Aufholjagd hätte stoppen lassen. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass dem jungen Bundestrainer in seinem dritten Turnier in Diensten des DHB noch Erfahrung mit derlei Extremsituationen fehlt. Auch von seinen eigenen Fehlern wird er lernen müssen, wenn man bei den nächsten Großereignissen – das nächste folgt, die erfolgreiche Qualifikation vorausgesetzt, mit Olympia schon in diesem Jahr – noch ein bisschen höher hinaus will.

Allerdings ist Christian Prokop ja nicht wegen seiner Qualitäten als ausgebuffter Coach an Bord geholt worden. Der Verband hatte ihm 2017 den Zuschlag gegeben, weil er ein Analytiker und Entwickler ist. Ein Mann, der eine Mannschaft besser machen kann und nicht zuletzt auch junge Spieler auf respektables Niveau zu führen weiß. Zumindest diesen Anspruch hat Prokop auch bei dieser EM erfüllt. Mit Rechtsaußen Timo Kastening etwa stellte der DHB einen der großen Senkrechtstarter des Turniers.

Patrick.Reichelt@ovb.net

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