Melbourne – Auch am Mittwoch spielten sie noch mal „Sweet Caroline“. Neil Diamonds Song aus der Flower Power Zeit ist seit Jahren die Begleitmusik zu den Siegen der besten Tennisspielerin Dänemarks, aber das Ende ist in Sicht. Anfang Dezember verkündete Caroline Wozniacki, sie werde ihre Karriere nach den Australian Open beenden. Das kam einerseits überraschend, denn schließlich wird die beste Spielerin des Nordens im Sommer erst 30 Jahre alt, und gemessen am Alter ihrer besten Freundin Serena Williams hätte sie noch eine Weile Zeit. Aber sie sagt, sie habe alles erreicht, was sie sich je habe erträumen können, und nun sei es Zeit für das nächste Kapitel ihres Lebens.
Zwischen Herbst 2010 und Anfang 2012 führte Wozniacki die Weltrangliste an, ohne einen der großen vier Titel gewonnen zu haben, und deshalb wurde sie damals immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob eine Nummer eins ohne Grand-Slam-Titel das richtige Licht aufs Frauentennis werfe. Sie beantwortete die Fragen mit bewundernswerter Gelassenheit, doch dass die äußerlich gezeigte Gelassenheit nicht zwangsläufig ihren Gefühlen entsprach, merkte man, als sie vor zwei Jahren in Melbourne den ersten und einzigen Grand-Slam-Titel gewann und erleichtert kommentierte, jetzt sei es endlich vorbei mit dem blöden Fragen nach der Nummer eins. Denn mit diesem Titel landete sie für vier Wochen noch mal an der Spitze, und damit vollendete sie ihr Werk.
Sie besaß nie die mächtigen Schläge einer Serena Williams oder das unnachahmliche Ballgefühl einer Agnieszka Radwanska. Aber die nicht zu erschütternde Entschlossenheit, mit der sie immer wieder scheinbar aussichtslose Spiele umbog, machten sie zu einer herausragenden Wettkämpferin. Vor dem Spiel am Mittwoch in Melbourne gegen die junge, hungrige Dajana Jastremka aus der Ukraine hatte doch so manches darauf hingedeutet, dies könne das letzte Turnierspiel für Wozniacki werden, doch der Spiegel dieses Spiels zeigte die Konturen ihrer Karriere. Sie lag schnell zurück, weil die andere jeden Ball in die Ecken knallte, aber sie ließ sich in keinem Moment aus der Fassung bringen, holte Spiel um Spiel auf, während die zunächst so aussichtsreiche Gegnerin immer nervöser wurde. Am Ende hieß es 7:5, 7:5 für Wozniacki.
„Ich habe viel erreicht“, sagte sie vor ein paar Tagen, „und ich habe alles gegeben. Jeden einzelnen Tag hab ich hart dafür gearbeitet, an der Spitze zu bleiben oder wieder an die Spitze zu kommen. Aber es fühlt sich jetzt anders an. Ich hab immer noch Lust, hart zu arbeiten, aber ich möchte was anderes probieren, neue Dinge im Leben versuchen. Und es fühlt sich jetzt einfach richtig an, das zu tun.“
Im Herbst 2018 machte sie die Diagnose Gelenkrheumatismus publik, die sie ein paar Wochen zuvor von ihren Ärzten erhalten hatte und sagte, natürlich sei das am Anfang ein Schock gewesen. „Du hältst dich für eine der fittesten Athletinnen, und auf einmal musst du dich damit auseinander setzen.“ Doch sie versprach, sie werde unter erschwerten Bedingungen weiterspielen, und sie sagt jetzt, die Krankheit sei nicht der Grund für das Ende der Karriere.
Eine größere Rolle spielt sicher der Wunsch, mit ihrem Mann David Lee mehr Zeit verbringen zu können, gemeinsam die Welt zu entdecken, ohne an Training und das nächste Turnier denken zu müssen. Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist sie mit dem ehemaligen Basketballprofi aus den USA verheiratet. Auch in der Liebe hatte das Leben für Caroline Wozniacki ein happy end im Angebot, nachdem ihre frühere Beziehung zum irischen Golfprofi Rory McIlroy kurz vor der geplanten Hochzeit gescheitert war.
Die offene Art, wie sie damals mit dem Scheitern dieser Beziehung umging, brachte ihr Bewunderung ein, und in dieser Zeit festigte sich auch die Freundschaft mit Serena Williams. Mit der Amerikanerin wird sich Caroline Wozniacki am 18. Mai in der königlichen Arena zu Kopenhagen beim allerletzten Spiel ihrer Karriere von ihrem Publikum verabschieden, aber vielleicht werden die beiden schon am Sonntag in Melbourne in der Rod Laver Arena das Vergnügen haben. Dazu müssten beide noch ein Spiel gewinnen – keine ganz unmögliche Perspektive. Wo immer die Reise beim 51. und letzten Grand-Slam-Turnier auch enden wird, es wird nach einer Karriere, in der große Träume in Erfüllung gingen, alles in schönster Ordnung sein.