Es war die Szene der Handball-Europameisterschaft, an die man sich länger erinnern wird als an die Ergebnisse und Spiele: Wie Christian Prokop, dem Bundestrainer, der Name eines seiner Nationalspieler nicht mehr einfiel.
„Äh, äh, wie heißt du?“, musste er Timo Kastening fragen, als er während der Auftaktpartie gegen die Niederlande die Mannschaft für taktische Anweisungen um sich versammelt hatte.
Und alle, die den Fernseher eingeschaltet hatten, bekamen es mit. Das ist so üblich beim Handball, Basketball, Volleyball, wenn es übertragen wird: Das TV (oder der Stream) dürfen ganz nahe ran an die Akteure. Den Zuschauern soll das Gefühl vermittelt werden, sie säßen in der ersten Reihe. Für die Sportarten ist diese Offenheit Marketing: Sie lassen Nähe zu – was sie vom distanzierten Fußball unterscheidet.
Was wird gesprochen, auf der Bank, auf dem Spielfeld? Wie begegnen sich Spieler und Schiedsrichter? Welche Tonlage herrscht unter den Akteuren des Spiels? Es gibt, so scheint es, hohes Interesse daran, das alles zu erfahren. Weil es in manchen Fällen doch noch ein Geheimnis ist. Was hat Marco Materazzi im Fußball-WM-Finale 2006 zu Zinedine Zidane gesagt, dass dieser ihn per Kopfstoß niederstreckte?
Wer zum öffentlichen Training eines Bundesligisten geht, kann vieles von dem mithören, was auf dem Platz gesprochen und gerufen wird. Im vollen und lauten Stadion mit größerer Distanz zum Feld ist es fast nicht mehr möglich. Und im Fußball macht einen auch das Fernsehen nicht schlauer. Noch immer hat sich eine Zukunftsvision nicht erfüllt: die vom komplett vernetzten Spieler. Zwar verrät uns moderne Datenerfassung, wie viele Meter er zurückliegt, wie oft und in welchem Tempo er sprintet – doch wie er sich äußert, das bleibt dem Zuseher (und -hörer) verborgen.
Wobei: Vor über 40 Jahren lief mal ein Bundesligaspieler mit Mikrofon auf. Paul Breitner vom FC Bayern hatte sich am letzten Spieltag der Saison 1978/79 für die Partie der Münchner beim als Meister feststehenden Hamburger SV verkabeln lassen. „Nicht mal der Uli hat davon gewusst, sondern nur ich, der Regisseur und der Tonmann.“
Filmemacher Christian Weisenborn hatte Breitner und Uli Hoeneß ein Jahr lang mit der Kamera begleitet, es entstand die Dokumentation „Profis“. Hoeneß wurde in dieser Saison vom Spieler zum Manager, Breitner war der Kopf der Mannschaft – und bereit, etwas zu machen, was noch keiner sich getraut hatte. Er lief mit verstecktem Mikrofon auf. „Hätte der Schiedsrichter oder sonst jemand es bemerkt, hätte man mir es sofort weggenommen“, sagte Breitner rückblickend. Von dem Experiment erfuhr die Öffentlichkeit erst, als „Profis“ mit dem Abstand von fast einem Jahr im Fernsehen gesendet wurde. „Eigenartigerweise hat sich niemand vom DFB beschwert oder aufgeregt.“
Zumindest hatte Paul Breitner sich zu keiner verwerflichen Äußerung hinreißen lassen. „Sie san der Höchste“, raunzt er einmal den Schiedsrichter an, der nimmt es hin. Zweimal sagt Breitner „Leck mich am Arsch“, einmal aus Frust, dann begeistert beim Siegtor von Karl-Heinz Rummenigge. Den Referee fragt er „Wie lang hamma denn noch?“, ansonsten besteht die Kommunikation auf dem Platz aus Rufen zu den Mitspielern („Kalle, Kaaatsch“, „Seppe“), aus Jubel (ganz klassisch „Tor!“) und der Äußerung von Schmerz bei Fouls. Jedenfalls: Das Spiel wirkt mit dem Keuchen Breitners viel intensiver als aus der Perspektive der Totalen.
Der Fußball, obwohl er heute die mit Abstand höchsten Erlöse aus dem Verkauf seiner Rechte erzielt, hält die Öffentlichkeit auf Abstand. Nicht auf der visuellen Ebene, die Kameras des zur Deutschen Fußball-Liga (DFL) gehörenden Produktionsunternehmens Sportcast liefern gestochen präzise Bilder, keine Szene bleibt unbemerkt und unentschlüsselt – aber auch nahezu stummfilmartig.
„Ein bewusstes Aufnehmen von Gesprächen, taktischen Abstimmungen auf der Trainerbank oder auch unter den Schiedsrichtern ist nicht vorgesehen“, erklärt Henning Wenzel von Sportcast. Mitbekommen kann man trotzdem was – wenn Spieler und Trainer laut werden, ein Mikrofon in der Nähe und dieses auch aktiviert ist.
Bei einem Erstligaspiel baut Sportcast 17 „Close-Ball-Mikrofone“ auf, Richtmikrofone, „die automatisiert Steuerbefehle an das Mischpult“ (Wenzel) im Übertragungswagen schicken. Das System richtet sich danach, wo aufgrund der Trackingdaten der Ball ist. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Sportcast mit der „automatisierten Audiomischung und der vernetzten Nutzung von Daten“. Dem Zuschauer will man mit Hilfe weiterer Mikrofone, die die Stadionatmosphäre einfangen, ein Gesamterlebnis des Sounds bieten. Mehr als ein „Gespräch in Auszügen“ werde man dabei nicht heraushören können.
Einen gezielten Lauschangriff würde der Fußball auch gar nicht haben wollen. Schon Erich Ribbeck sagte vor über 20 Jahren, dass „die Sprache auf dem Platz keine feine“ und nicht für jedermanns Ohren bestimmt ist. Doch die Medien wurden neugierig und begannen zur Weltmeisterschaft 2006, Lippenleser zu engagieren, denen das Fernsehbild genügte, um bestimmen zu können. was Trainer- und Spielermund so formulierten.
Um Oliver Kahn hatte es 1998 sogar den Hauch eines Audio-Skandals gegeben. Der Münchner Stadtrat Bernhard Fricke von der Splitterpartei „David gegen Goliath“ glaubte, bei einer Übertragung gehört zu haben, dass der Bayern-Torwart bei einer Ecke verbal bedrohlich gegen den Stürmer des anderen Teams vorgegangen sei und ihn „Neger“ gerufen habe. Oder hatte Kahn seine Vorderleute lediglich angewiesen, „enger, enger“ zu decken? Die Sache verlief im Sande.
In anderen Sportarten bekommt man das gesprochene Wort leichter mit. Boxen etwa wurde auch dadurch zum Fernsehsport, weil die Kamera ganz nahe ran ging, man zu Hause eine noch bessere Position bekam, als wenn man für Hunderte von Euro am Ring in der ersten Reihe gesessen wäre. Dass dann auch noch bei den Traineransprachen in den einminütigen Drittelpausen die Mikrofone aufgedreht wurden, trug zur Popularität von Typen wie dem raustimmigen Ulli Wegner („Jungeeee“) bei. Hand- und Basketball folgen dem Konzept, den Zuschauer bei den Auszeiten Teil der Mannschaft werden zu lassen.
Das Eishockey arbeitet mit Verkabelung. MagentaSport, das die DEL überträgt, präpariert beim Donnerstagsspiel einen Akteur jeder Mannschaft – sendet dessen Kommentare aber nicht live. Sondern ausgewählt und um einige Minuten versetzt. Grobheiten werden unter Verschluss gehalten.
Das Schweizer Fernsehen leistete sich diese Saison aber einen Verstoß gegen das Gentleman’s Agreement. In der Champions League müssen die Trainer ein Mikrofon tragen. Don Jackson, Coach des EHC München, dachte nicht mehr daran, als er beim Spiel in Ambri-Piotta in der Erregung eine „Fuck you“-Tirade gegen den Schiedsrichter ausstieß. Der Regisseur im Übertragungswagen konnte der Verlockung nicht widerstehen, er nahm den Ausraster live mit rein.
Wenigstens war es authentisch. Üblicherweise liefern die Cable Guys nur belanglose Motivations-Floskeln („Come on, boys“, „Let’s go“). Man ist sich der Mithörer bewusst. Wehmütig erinnert sich der Zuschauer dann der ersten Lauschaktionen des Sky-Vorgängers Premiere in den 90er-Jahren, als nach einer deftigen Rauferei der Spieler Michael Rumrich über seinen Gegner Joachim Reil plakativ sagte: „Der hat ein Hirn wie eine Kaffeetasse.“
Der Fußballtrainer Joachim Streich war vergangenes Wochenende zu Gast im ZDF-Sportstudio, es ging auch um Handball und dessen Transparenz. Streich sagte, er bewundere die Kollegen aus dem Hand- und auch Basketball dafür, wie sie ihre Ansprachen an die Spieler im Beisein der Kamera abhalten. Wissend, dass jedes Wort von der Öffentlichkeit seziert und einem ein Lapsus wie Christian Prokop das Entfallen eines Namens ewig nachgetragen wird.
Für Streich ist es wichtig, „dass wir die Tür auch einmal zumachen und unter uns bleiben können“. Die Kabine und die Halbzeitpause sind heilig. Noch. Streich glaubt, dass der Fußball auch die Rechte am Live-Miterleben des Innersten der Mannschaft verkaufen wird: „Vielleicht erst nach meiner Zeit, aber es wird kommen. Ganz sicher.“