München – Ein Fan von James-Bond-Filmen, das ist Karl-Heinz Rummenigge, „schon als kleiner Bursche“, sagt der Vorstandschef des FC Bayern zu Beginn unseres Interviews. In „Keine Zeit zu sterben“ wird Daniel Craig wohl das letzte Mal auf der Leinwand zu sehen sein – und auch Rummenigges Ära neigt sich dem Ende zu. Zwei Jahre noch, dann geht er in Rente – ohne Wehmut, wie er verrät.
Herr Rummenigge, geht man in sein vorletztes Jahr anders als in die 18 davor?
Wenn ich ehrlich bin, nein. Wir hatten jetzt ja noch Transfermarkt-Gespräche die vergangenen Wochen. Daran hat auch Oliver Kahn als neues Mitglied des Vorstandes teilgenommen. In meinen Augen ist er eine Bereicherung. Im Moment läuft alles sehr zufriedenstellend.
Sie würden als Vorstandsboss gerne noch einmal die Champions League gewinnen. Ist der Titeldruck besonders groß?
Klar, in meiner zweiten Karriere – wenn ich das so bezeichnen darf – war das der schönste, weil auch wertvollste Titel. Ich kann mich noch an das Finale 2013 erinnern, das mit unglaublich großen Druck für den ganzen Verein verbunden war, weil wir im Vorjahr gegen den BVB sowohl die Meisterschaft als auch den Pokal klar verloren hatten.. Als ich mit Uli Hoeneß zum Spiel gefahren bin, hat keiner groß geredet, alle waren auf das Spiel fokussiert und auch ein bisschen nervös. Klar würde ich das gerne noch mal erleben…
Aber?
Was wir nicht machen werden, ist, dass wir den Transfermarkt auf dieses Ziel ausrichten. Es gibt genug europäische Teams, die viel Geld in ihre Kader gesteckt haben. Aber: Um die Königsklasse zu gewinnen, muss alles passen! Du musst ein Topteam und einen Topspirit haben. Du musst das Glück haben, dass die Mannschaft am Spieltag in Höchstform ist, keine Verletzten und du musst auch einen guten Schiedsrichter haben. Als Jupp Heynckes 2013 unser Trainer war, hat das alles perfekt funktioniert.
Kann man einen derartigen Coup der aktuellen Mannschaft zutrauen?
Wir haben eine gute Mannschaft, die unser volles Vertrauen hat, und wir haben einen Topspirit, das macht Hansi Flick wirklich hervorragend. Wenn man sieht, wie sich die Spieler nach dem 1:0 in Berlin freuen oder als Joshua Zirkzee mit seinen zwei Toren noch Last-Minute-Punkte geholt hat – da spürt man, dass der Charakter und der Wille der Mannschaft sehr gut sind. Ich muss offen und ehrlich sagen: Ich bin optimistisch für die Rückrunde.
Ein Champions-League-Sieg zum Einstand wäre sicher auch im Sinne Ihres Nachfolgers Oliver Kahn. Wie erleben Sie ihn in seinen ersten Amtstagen?
Ich habe ihn ja noch als Spieler kennengelernt, da war er enorm emotional (schmunzelt). Die menschliche Entwicklung bei ihm finde ich nicht nur bemerkenswert, sondern auch wohltuend. Wir hatten nun auch schon viele Termine gemeinsam. Es ist eine neue Sichtweise, die er mit einbringt, und die finde ich gut. Er wird am Ende des Tages einen Mehrwert für den Club darstellen, ohne Frage.
Sie sprachen von einem „On-Boarding-Prozess“, wie läuft der ab?
Er arbeitet sich intensiv ein und ist beispielsweise auch jeden Montag bei den Vorstandssitzungen dabei. Er hat ohne Frage ein großes Fußball-Wissen, aber hier geht es ja auch um Finanzen, Sponsoring, Merchandising und vieles mehr. Der FC Bayern ist mittlerweile ein sehr gesunder Mittelständler mit 750 Millionen Euro Umsatz und über 1000 Mitarbeitern.
Muss Kahn jetzt mehr lernen als Sie damals in Ihrer Anfangszeit?
Es hat sich viel verändert seitdem. Als ich 1991 kam, hatte ich das große Glück – damals waren wir ja noch ein e.V. und ich war Vize-Präsident – , dass ich zehn Jahre Zeit hatte, um mich und meine Rolle im Windschatten von Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer zu entwickeln. Die Geschwindigkeit im Fußball war nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Platzes geringer. Für Oli geht das alles schneller.
War Kahn auch bei den Verhandlungen mit Álvaro Odriozola involviert?
Natürlich, da war er dabei und hat auch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Oli war absolut dafür, dass wir ihn verpflichten. Wir wollten dem Trainer in der Defensive eine Option mehr geben.
Eine Option heißt, dass der Winter-Transfermarkt für den FC Bayern nun beendet ist?
(schaut auf seine Uhr) Wir halten uns noch alles offen, wir haben ja noch eine Woche. Wenn ich ehrlich bin, bin ich immer froh, wenn der Transfermarkt wieder schließt. Er wird ja immer mit einer gewissen Hektik begleitet. Aber wir sind gut beraten, wenn wir in der Zukunft ein Stück mehr Nachhaltigkeit in den Transfermarkt reinbringen.
Inwiefern?
Nachhaltigkeit ist ja ein großes Thema in unserer Welt, und am Transfermarkt darf man sich nicht davon leiten lassen, wen jetzt Borussia Dortmund oder RB Leipzig geholt hat. Wir müssen eine Kaderplanung machen, die exklusiv die FC-Bayern-Philosophie widerspiegelt. Diese darf nicht nur sechs oder zwölf Monate Bestand haben, sondern muss auf Kontinuität angelegt sein. Wir haben ganz andere Voraussetzungen beim FC Bayern als unsere europäische Konkurrenz. Wir haben keinen Amerikaner, Russen oder Araber, der uns am Ende des Jahres unsere Rechnung bezahlt. Wir müssen unser Geld selber verdienen, damit wir in die Qualität unseres Kaders kontinuierlich investieren können.
Die Kaderplanung bis Sommer 2020 hatte Hansi Flick ja mit seinen Forderungen nach Neuzugängen ins Rollen gebracht.
Wir hatten ja vor Weihnachten noch ein Gespräch, und es war damals schon klar, dass einige Spieler leider länger ausfallen und wir in der Defensive schon ziemlich dünn aufgestellt sind. Die Entscheidung, Alvaro auszuleihen, ist aus der gemeinschaftlichen Diskussion heraus entstanden, die wir nach dem Trainingslager geführt haben.
Sie haben sich klar zu Hansi Flick bekannt und in die Pressemitteilung – sicher bewusst – das Wörtchen „mindestens“ eingebaut.
Das haben wir nicht umsonst eingebaut. Ich finde, er hat einen guten Matchplan und einen neuen Speed ins Training gebracht. Er macht, was Empathie und die Medienarbeit betrifft, alles gut. Jupp Heynckes hat sich kürzlich bei mir gemeldet und über Hansi gesagt: „Er ist ein guter Repräsentant des FC Bayern!“ Und das stimmt!
Manchmal liegt das Gute doch so nahe…
Das war bei ihm nicht unbedingt vorauszusehen. Er war lange Jahre vorher die Nummer zwei unter Joachim Löw und hat beim DFB und in Hoffenheim in anderer Position gearbeitet. Manchmal ist es eben so, dass es eine glückliche Fügung des Schicksals ist, wenn einer ins kalte Wasser springen muss – und das musste Hansi nach der Trennung von Niko Kovac. Er hat das dann gut gemacht und die Chance am Schopfe ergriffen. Neben den Ergebnissen war uns die Spielweise wichtig, und ich glaube, das geht auch den Fans so. Beim 4:0-Sieg gegen Dortmund haben es die Fans am meisten genossen, dass die Mannschaft mit ihrem Offensivgeist wieder einen Guardiola/Heynckes-Stil an den Tag gelegt hatte.
Muss in den nächsten Monaten trotzdem nebenher eine Trainersuche für den Sommer laufen? Ist dasnicht eine blöde Situation?
Nein, das glaube ich nicht. Man muss das ja ganz nüchtern betrachten. Wir sind mit Hansi Flick zufrieden. Diese Entwicklung muss man jetzt in Ruhe begleiten. Für uns ist es durchaus vorstellbar, dass er über Juni 2020 hinaus Trainer bleibt – darum haben wir es auch so formuliert. Weil: Ich finde seine Entwicklung gut, er hat den Schritt vom Co- zum Cheftrainer in Windeseile bewältigt.
Flick hat Odriozola bekommen, während Dortmund Erling-Braut Haaland geholt hat – den die Bayern nicht wollten?
Man darf nicht den Fehler machen und denken, dass Bayern München automatisch Interesse haben muss, weil Dortmund Interesse hat. Wir haben den weltbesten Mittelstürmer – und wenn wir Haaland geholt hätten, wäre der nicht automatisch Stammspieler gewesen. Unsere Transferpolitik ist ausschließlich auf unsere Bedürfnisse ausgerichtet und nicht darauf, irgendetwas bei einem anderen Club zu verhindern. Das wäre ja lächerlich.
Außerdem hat Haaland ja eine Ausstiegsklausel, wenn Robert Lewandowski nicht mehr spielt.
Robert wird lange spielen. Das ist vielleicht der professionellste Spieler, den ich bei Bayern München erlebt habe!
Professioneller als Arjen Robben?
Arjen war ein Super-Profi, aber Robert ist auch großartig. Wie er sich ernährt, seine Trainingsauffassung – einfach alles. Aki Watzke hat mir mal erzählt, dass Robert in Dortmund schräg gegenüber von ihm wohnte und man die Uhr danach stellen konnte: 22.30 Uhr ging das Licht aus. Darum sage ich: Die Uhr tickt bei ihm wahrscheinlich anders, als sie bei anderen Profis tickt.
Bei einigen Spielern laufen die Verträge aus. Einer davon ist der von Thomas Müller. Ist ein Verkauf des Parade-Bayers vorstellbar?
Thomas ist ein wichtiger Spieler beim FC Bayern. Alles, was wir hier in den letzten zehn Jahren gemacht haben, trägt auch den Namen Thomas Müller. Er ist einer von zwei Bayern im Kader. Und auch in seiner Art und Weise ist er unterhaltend, der könnte sogar neben Gerhard Polt auftreten. Für unseren Club ist er immens wichtig, denn er spiegelt das wider, was den FC Bayern ausmacht.
Gilt das auch für Manuel Neuer?
Natürlich! Der ist 2011 gekommen, seitdem haben wir hier eine Never-ending-Erfolgsstory. Im Jahr 2012 hat er sich noch mit zweiten Plätzen begnügt – aber seitdem sind wir Meister in Serie, haben alles gewonnen, was man im weltweiten Klub-Fußball gewinnen kann. Bei diesen Spielern muss man auch berücksichtigen, was sie für diesen Club geleistet haben. Ich bitte da aber um Verständnis, dass wir erst mal Gespräche mit Spielern und Beratern führen müssen. Es ist wichtig, erst mal zu wissen, welche Vorstellungen die Spieler haben.
Hat sich an Neuers Vorstellungen durch den Transfer von Alexander Nübel etwas verändert?
Dass Manuel sich damit auseinandersetzt, kann ich nachvollziehen. Aber er braucht sich gar keine Gedanken zu machen. Allein wie er in Berlin gespielt hat! Der hält jeden! Selbst den einen Ball aus 3 Metern 20. Ich habe alle erlebt: Sepp Maier, Oliver Kahn – und jetzt Manu. Ich habe größten Respekt vor Sepp und Oli, die waren Weltklasse. Aber was Manuel geleistet hat, war noch mal etwas anderes: Er hat das Torwartspiel auf ein neues Niveau gehoben. Manu ist der beste Torhüter, den die Welt je hatte. Wir wissen, was wir an ihm haben. Darüber müssen wir keine Diskussion führen.
Gibt es denn nun eine Klausel, die Nübel Einsätze garantiert?
Über die Mannschaftsaufstellung entscheidet beim FC Bayern exklusiv der Trainer. Dass er gerne das eine oder andere Spiel spielen würde, ist völlig klar und normal.
Man weiß aber auch, dass Manuel Neuer gerne jedes Spiel spielen würde.
Das stimmt. Ich erinnere mich noch gut an Pepe Reina. Ein toller Typ und guter Torwart. Dem hatte Pep (Guardiola, d.Red.) gesagt, er könne sich vorstellen, dass er schon acht bis zehn Spiele pro Saison machen könnte. Zum Schluss hat er zwei gemacht.
Der Nübel-Transfer ist also einer für die ferne Zukunft.
Also mal ehrlich: Wir wären ja im falschen Film, wenn wir einen Spieler, der als der beste Nachwuchstorhüter gehandelt wird, der ablösefrei auf dem Markt ist, nicht holen wollen würden. Das hat Hasan sehr gut gemacht. Uns war auch klar, dass die Öffentlichkeit da ein sensibles Thema draus macht.
Interview: Hanna Raif und Manuel Bonke
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am Mittwoch in Teil 2: Rummenigge über Leroy Sané, Financial Fairplay und TV-Gelder.