Kitzbühel – Es gab kaum mehr Zweifel, dass sich Kitzbühel auf etwas gefasst machen konnte. Auf noch mehr Alkoholexzesse als sonst. Im Zielraum wurde Matthias Mayer bereits gefeiert als Sieger der Hahnenkammabfahrt, da schreckten die Fans noch einmal hoch, auch der Führende blickte konzentriert auf die Videoleinwand. Romed Baumann war dem Österreicher bis zur vorletzten Zwischenzeit dicht auf den Fersen, verlor dann doch noch Zeit und landete mit 0,83 Sekunden Rückstand auf Platz sieben.
Damit wäre Romed Baumann eigentlich drittbester Österreicher gewesen, aber der hatte im vergangenen Sommer die Nation und damit den Rennanzug gewechselt. Statt rot-weiß trägt er nun schwarz-weiß, weshalb ihm die Zeitung „Österreich“ den Spitznamen „Piefke-Zebra“ verpasste. Aber nicht alle hatten Verständnis für den Wechsel zum Deutschen Skiverband. Nach der Besichtigung am Samstagmorgen hatte Baumann „eine lustige Begegnung mit ein paar Fans“, wie er erzählte. „Die haben mir so laut Judas nachgeschrien, das hat mich angespornt. Ich war richtig heiß darauf, dass ich mein bestes Skifahren zeige“. Alpinchef Wolfgang Maier bestätigte den Vorfall. Die Fans „waren nicht alle besoffen. Aber das Ergebnis spricht für sich.“ Mit dieser Leistung war Baumann auch der schnellste Deutsche. Der Sieger von 2018, Thomas Dreßen, landete dieses Mal nach verpatztem Lauf auf dem 26. Platz.
Dass Baumann ausgerechnet in Kitzbühel sein erstes Top-Ten-Resultat in der Abfahrt seit mehr als zwei Jahren schaffte, war für ihn „schon eine Genugtuung“. Vergangene Saison hatten ihn die österreichischen Trainer nicht mehr für das Hahnenkammrennen nominiert. „Der Tiefpunkt meiner Karriere“, sagte Baumann. „Da bin ich rumgelaufen wie ein geschlagener Hund und habe nicht gewusst, wie ich aus dem Loch herauskomme.“ Am Ende der Saison wurde er aussortiert, nach 15 Weltcup-Jahren mit zwei Siegen und einer WM-Medaille (Kombi-Bronze 2013). Er hätte es gut sein lassen können, sich damit abfinden, dass er mit 33 seine besten Zeiten hinter sich hatte. Aber so wollte er nicht aufhören – und wechselte nach Deutschland, wo er mit Frau Veronika und zwei Kindern ohnehin lebte. Am Anfang sei die Begeisterung nicht groß gewesen, gab Maier zu. Denn die Zeiten, in denen ein österreichischer Abfahrer aus der zweiten Reihe das deutsche Speedteam weiterbringt, sind vorbei.
Die Skepsis ist schnell gewichen, weil sich Baumann problemlos unterordnete und bereitwillig sein Know-how weitergab. „Wir haben mit ihm die Rennanzüge überarbeitet und er gibt den Jungs den ein oder anderen Tipp, was sie in Österreich gemacht haben“, sagt Maier. Der DSV hat sich für diese kleinen Spionage-Dienste mit Nestwärme revanchiert. „Wir müssen die Leute, weil wir so wenige haben, hegen und pflegen“, sagt Maier. Für Baumann war dies eine ganz neue Erfahrung: „In Österreich herrscht von Anfang an Konkurrenz“, darunter leidet zwangsläufig der Teamgeist. Bei den Deutschen stellte er fest, „gönnte jeder dem anderen den Erfolg“ – und das scheint ihn zu beflügeln. Er arbeitete sich in der Weltrangliste wieder unter die besten 30. Als Baumann am Samstag abschwang, freuten sich die Kollegen im Zielraum, auch Dreßen. „Klar, bin ich sauer“, sagte der Mittenwalder im Ziel, hoffte da aber noch, dass es einer seiner Kollegen „vielleicht sogar so gut macht wie ich vor zwei Jahren, dann feiere ich mit.“ Vielleicht war es für die deutsch-österreichischen Ski-Beziehungen ganz gut, dass es Baumann nicht geschafft hat.