München – Leon Goretzka kann man bedenkenlos als den etwas anderen Profi bezeichnen. Der 24-Jährige bezieht auch in politischen Themen gerne offensiv Stellung, erhebt die Stimme gegen Rassismus. Und auch auf dem Fußballplatz ist der gebürtige Bochumer eine ehrliche Haut. Zu beobachten war das wieder einmal rund um den 5:0-Sieg des FC Bayern gegen Schalke 04 – den Verein, für den Goretzka vor seinem Wechsel nach München fünf Jahre spielte.
In Minute 50 hatte der Mittelfeldmann einen Treffer der Marke Traumtor erzielt, den Ball nach einer Ecke akrobatisch mit einem Scherenschlag versenkt. Wer im Anschluss eine entschuldigende Geste à la Mario Götze erwartet hatte, wurde enttäuscht. Goretzka rutschte auf Knien über den Arena-Rasen in Richtung der Nordtribüne. Also auch dorthin, wo hoch oben unter dem Stadiondach die Gästefans sitzen.
Eine Provokation? Keineswegs, versicherte der ehemalige Gelsenkirchener: „Dass die Schalke-Kurve dort war, war nicht geplant. Aber ich bin kein Fan davon, wenn man seinen Jubel unterdrückt. Ich empfinde das so ein bisschen als scheinheilig.“ Goretzka erklärte weiter, er hoffe, seine Freude werde ihm im Schalker Lager nicht als Respektlosigkeit ausgelegt: „Das sollte es auf keinen Fall sein.“
Was der Nationalspieler in den 90 Minuten am Samstagabend mit seinen ehemaligen Weggefährten veranstaltet hatte, wird allerdings keiner so schnell vergessen. Goretzka, der vor Joshua Kimmich und Thiago den offensiven Freigeist gab, war für Schalke schlicht nicht zu greifen gewesen. Mal im Raum hinter Stürmer Robert Lewandowski, mal auf einer Linie mit ihm. In Durchgang eins verhinderte lange Zeit einzig der Videobeweis eine Torbeteiligung von Goretzka. Thomas Müllers Treffer (17.) und Lewandowskis vermeintlich zweitem Streich (37.) verweigerte der VAR die Anerkennung.
In der Nachspielzeit war das 2:0 dann aber nicht mehr zu verhindern: Goretzka servierte Müller das Leder nach einer Perisic-Flanke per Kopf (45.+2). Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagte: „Leon ist ein sehr wichtiger Spieler. Wenn er so auftritt wie heute, gibt er der Mannschaft das gewisse Etwas.“ Bester Beweis dafür war das bereits erwähnte Traumtor zum 3:0.
„Natürlich spielst du einen anderen Fußball, wenn du selbstbewusst bist. Das hat man nicht nur bei mir gesehen, sondern bei der ganzen Mannschaft“, meinte Goretzka. Für die nötige Bodenhaftung sorgte Teamkollege Müller. Er sagte schmunzelnd: „Leon hat schon genug Sonderlob vor laufenden Kameras bekommen, jetzt reicht es auch wieder.“ Und fügte an: „Ich fand seine Vorlage zu mir deutlich ansprechender als das Tor.“
Wortwörtlich im Schatten von Goretzka zogen gegen Schalke Kimmich und Thiago ihre Kreise. Noch unter Flick-Vorgänger Niko Kovac hatte das Mittelfeld-Duo selten harmoniert, jetzt traten die beiden Spielmacher den Beweis an, dass es auch zusammen bestens klappen kann. Sinnbildlich dafür war die Entstehung des 4:0: Kimmich und Thiago setzten Amine Harit am Mittelkreis gemeinsam zu, den Ballgewinn veredelte der Spanier nach Lewandowskis Zuspiel (58.).
Müller meinte dazu: „Unsere Techniker im Mittelfeld gewinnen mit Super-Einsatz den Ball. Da muss man nicht groß etwas herausspielen oder eine Abwehr überwinden, die im eigenen Sechzehner steht.“ Salihamidzic sagte: „Sie sind kreativ und diszipliniert, teilen sich die Arbeit auf der Sechs. Das sieht richtig gut aus.“ So wie im Moment so gut wie alles bei diesen Bayern.