Melbourne – An einem perfekten australischen Sommertag – wolkenloser Himmel, gute Luft und nicht zu heiß – machte Alexander Zverev einen großen Schritt. Mit dem Sieg gegen den Schweizer Stan Wawrinka (1:6, 6:3, 6:4, 6:2) landete er zum ersten Mal in seiner Karriere im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, und in dem wird er morgen gegen einen guten Freund spielen, den Österreicher Dominic Thiem.
Der war Stunden später nach dem dritten Matchball eines aufregenden Spiels gegen Rafael Nadal am Ziel (7:6, 7:6, 4:6, 7:6) und meinte danach, er freue sich nicht nur auf dieses Spiel, sondern vor allem auch darüber, dass es Zverev endlich geschafft habe. Der Schritt, den Zverev in Melbourne machte, ist noch größer, als es auf den ersten Blick aussieht, denn er steht für Fortschritt und Entwicklung. Aber wie hätten die Erwartungen, die er wie einen mit Steinen gefüllten Wagen hinter sich her zog, nicht entstehen sollen? Vor der ersten Begegnung mit dem damals knapp 19 Jahre alten Zverev 2016 in Indian Wells hatte Nadal prophezeit, der sei die klare zukünftige Nummer eins, ein erstaunlicher Spieler, der alles habe, um ein großer Star zu werden.
Kurios an der ganzen Geschichte ist nicht, Alexander Zverev nun tatsächlich im Halbfinale zu sehen, sondern dass es gerade jetzt passiert. Nach einem eher bescheidenen Jahr 2019, nach einer Vorbereitung auf 2020, für die er so gut wie keine Zeit hatte, weil er kurz vor dem Jahreswechsel mit Roger Federer zu einer Werbetour nach China geflogen war, und nach einem Auftakt beim ATP Cup in Brisbane, von dem er selbst sagt, der hätte kaum schlechter sein können. Nach vier souveränen Spielen in Melbourne bestand er die erste schwere Prüfung mit Bravour.
Den klaren Verlust des ersten Satzes hakte er schnell ab, weil er wusste, dass Wawrinka in diesem Satz großartig gespielt und dass er sich selbst schwer getan hatte, mit den veränderten Bedingungen umzugehen, mit Sonne und Wärme statt Abend und Dunkelheit wie im Spiel davor. Im zweiten Satz schlug er auf wie ein junger Gott und gab dabei keinen einzigen Punkt ab – gab es wirklich eine Phase, in der er den Aufschlag verloren zu haben schien, dieses kostbare Gut? Und den Rest hatte er so souverän im Griff wie in den Spielen zuvor. Gegen einen Mann, der sich auskennt in großen Spielen, der drei von vier Grand-Slam-Finals gewonnen hatte. Aber vielleicht hätte Zverev rückblickend betrachtet nichts besseres passieren können als der verpatzte Start in die Saison.
Er konzentrierte sich auf seine Arbeit, verschaffte sich mit verschärftem Arbeitspensum ein gutes Gefühl, und es war wohl auch eine Hilfe, dass er quasi unterhalb des Favoriten-Radars ins Turnier starten konnte.
War er zu ungeduldig in der Vergangenheit gewesen? „Ja, sehr ungeduldig. Irgendwie hab ich wohl zu viel Aufmerksamkeit auf die Grand-Slam-Turniere gelegt, sie haben mir einfach zu viel bedeutet.“ Nicht, dass sie ihm jetzt gleichgültig wären, aber er sagt, er gehe mit dem ganzen Drumherum etwas entspannter um als früher, und die gute Stimmung im Team mit seinem besten Freund, Doppelspezialist Marcelo Melo, seiner Freundin, Physio Hugo Gravil und Fitnesstrainer Jez Green passe auch.
Es war Abend, als Alexander Zverev in der Hoffnung den Melbourne Park verließ, Rafael Nadal und Dominic Thiem mögen bitte sechs Stunden spielen und dabei so müde werden, wie es eben möglich sei. Aus den sechs Stunden wurde nichts, aber die vier Stunden und zehn Minuten der Partie waren gefüllt mit so vielen eisenharten, schweißtreibenden Ballwechseln, mit physischen und psychischen Anstrengungen auf allerhöchster Ebene, dass Zverevs Wunsch annähernd erfüllt wurde.
Als erster deutscher Spieler nach Tommy Haas 2009 in Wimbledon steht Zverev in einem Grand-Slam-Halbfinale. Ist dort nun die Chance größer, weil er nicht gegen den Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal, sondern gegen Dominic Thiem spielen wird? Nicht unbedingt. Sechs von acht gemeinsamen Begegnungen gewann Österreichs Bester, darunter die ersten drei und die beiden letzten. Alles ist offen, nur soviel steht fest.