Wenn’s scheppert

von Redaktion

Trainingsprügeleien sind schnell vergessen – aber gibt es einen Knalleffekt?

VON HANNA RAIF

München – Allein die Anekdote der Schlichtung ist legendär. Als Ottmar Hitzfeld an diesem Nachmittag im August 1999 die Kabine betrat, erwartete ihn folgendes Bild. Lothar Matthäus, aufgebracht, wütend, schimpfend, auf dem Weg in die Dusche, also: unbekleidet. Der damalige Bayern-Trainer hatte Bixente Lizarazu im Schlepptau, den jungen Mann, der Matthäus zuvor auf dem Trainingsplatz an der Säbener Straße eine „gepflastert“ hatte, wie unsere Zeitung damals schrieb. Ihm war es um eine schnelle Klärung der unguten Situation gelegen, die beiden Streithähne sollten sich die Hand geben. Also sagte Hitzfeld in seiner betont ruhigen Art in Richtung Matthäus: „Lothar, jetzt zieh dir erst mal was über!“

Zur Versöhnung kam es also damals mehr oder minder bekleidet, und der Rest dieser wohl berühmtesten Trainingsprügelei beim deutschen Rekordmeister ist bekannt. 10 000 Euro Geldstrafe für Lizarazu, der angab, „genervt“ von Matthäus gewesen zu sein. Die „Arroganz“ des Weltmeisters habe „das Fass zum Überlaufen“ gebracht. Ein paar Tage später stand das Duo wieder gemeinsam auf dem Platz, gewann das Derby gegen Unterhaching und leitete eine Aufholjagd ein: Aus Platz neun zum Prügel-Zeitpunkt wurde am Ende der Saison der Double-Sieg, in der Champions League scheiterten die Bayern erst im Halbfinale an Real Madrid. Hitzfeld freute sich fast über den Vorfall: „Die Sache ist ein Indiz dafür, dass unsere Mannschaft lebt.“

Es ist ja immer so eine Sache mit Trainingsstreitigkeiten, sie werden meist heißer gekocht, als sie waren. Auch die Indifferenzen zwischen Jerome Boateng und Leon Goretzka waren vorgestern genauso schnell wieder ausgeräumt, wie sie auf dem Platz in der Hitze des Gefechts entstanden waren. Dass es innerhalb einer Mannschaft Grüppchen gibt, die sich besser verstehen, und Spieler, die nicht mehr als Kollegen sind, ist ja nur normal. Und manchmal – das zeigt nicht nur der Blick auf die Causa Matthäus/Lizarazu – ist es gar nicht schlecht, wenn’s mal scheppert.

In der Saison 2002/03 war das gleich zwei Mal der Fall. denn schon im Herbst waren die Spieler über das drohende Aus in der Vorrunde der Champions League frustriert. Lizarazu fiel erneut negativ auf, als der sich eine kleine Boxerei mit Niko Kovac lieferte. Erst Hitzfelds Co-Trainer Michael Henke und einige Teamkollegen konnten die beiden trennen. 10 000 Euro Strafe waren damals „dem Gehalt angemessen“, Hitzfeld nahm es wieder gelassen, genau wie ein paar Wochen später, als Sami Kuffour und Jens Jeremies aneinandergerieten. Schlichter Thorsten Fink holte sich auch eine Faust ab („Kuffour ist ab sofort Luft für mich“) – aber die Bayern brachten die Saison noch passabel zu Ende. Als Double-Sieger.

Dass 2010 ausgerechnet Philipp Lahm in einen handfesten Zoff verwickelt war, erscheint kurios, aber der langjährige Bayern-Kapitän hatte sich halt mit dem Falschen angelegt. Nach einem Zweikampf mit Arjen Robben wurde er vom damaligen Neuzugang während des Aufstehens wieder auf den Boden geschupst, Thomas Müller und Ivica Olic beruhigten. Louis van Gaal bekam die Szene gar nicht mit, er spürte aber die Konsequenzen. Beinahe hätte die Saison mit dem ersten Triple der Vereinsgeschichte geendet – wäre man im Endspiel der Champions League nicht an Inter Mailand gescheitert.

Eine Prügelei ohne Titel-Effekt war jene zwischen Robben und Franck Ribéry, die aus der Kabine nach außen drang. Erst mit Worten, dann mit Fäusten war der Franzose in der Halbzeit des Halbfinales gegen Real im Jahr 2012 auf seinen langjährigen Flügelpartner losgegangen. Das Finale erreichten die Bayern, die Saison geht aber als „Vize-Spielzeit“ in die Annalen ein.

Dass Streits gar nicht so selten vorkommen, zeigen alleine die letzten Jahre. 2018 bekamen sich James und Sebastian Rudy in die Haare und wurden von Jupp Heynckes zum Handschlag verdonnert. 2019 trugen Robert Lewandowski und Kingsley Coman ihre Unzufriedenheit über die Spielweise des jeweils anderen auf dem Platz aus – und nun glühten halt bei Goretzka und Boateng die Sicherungen durch. Geschlichtet wurde immer rasch. Und in Klamotten.

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