München – Sepp Lenz, ein Urgestein des deutschen Rennschlittensports, Idol nicht nur des Berchtesgadener Landes, wird übermorgen 85 Jahre alt. Ein gesegnetes Jubiläum, das viele Erinnerungen weckt, was der Jubilar jedoch listig abschwächt: „Alt bin ich nicht; aber schon lange auf der Welt“, sagte er kürzlich und erweiterte damit die Liste der berühmten Sepp-Lenz-Weisheiten.
„Eismeister der Nation“ hat man ihn getauft. Er war es in mehrfacher Hinsicht: als Aktiver Europameister (1962) und je zweimal Deutscher Meister im Ein- und Doppelsitzer; als Trainer 29 (!) Jahre lang ein meisterhafter Bundestrainer, dessen Aktive 96 internationale Medaillen einfuhren, darunter 31 goldene; und schließlich ein Meister auch als Schlitten-und Bahnbauer.
Generationen von Sportlern hat er zu Erfolgen geführt. Erinnert sei an Leonard Nagenrauft, Christa Schmuck, die Aschauer-Brüder, Josef Fendt, Toni Winkler, Elisabeth Demleitner, die Doppel Stanggassinger/Wembacher, Brandner/Schwarm und Schwab/Staudinger. Und natürlich war da noch der Hackl Schorsch: Deutschlands Rodel-Symbolfigur, sein Meisterschüler.
Als Jung-Rodler war Sepp Lenz schon mit 21 Deutscher Meister geworden. Hans Plenk, der spätere Weltmeister, und Nepomuk Beer hießen seine Berchtesgadener Gefährten. Auch denen genügten die heimischen Abfahrten auf den Naturstraßen von Vorderbrand und Obersalzberg nicht mehr. Sie wollten eine richtige, vor allem verkehrsfreie Rodelpiste – wie in Hahnenklee/Harz, in Triberg/Schwarzwald oder Garmisch-Partenkirchen.
Einen Platz dafür hatten sich Vater Lorenz Lenz, selbst erfolgreicher Rodler, und Sohn Sepp schon längst ausgeschaut: am Nordufer des Königssees, zu Füßen des Grünsteins. An den Hang geschmiegt, ideal im Schatten liegend, tolles Gefälle. Ihren „Traum“ sahen sie fast täglich, wenn das Lenz-Duo als Schiffsführer auf dem See unterwegs war und Junior Sepp dabei für die Touristen das romantische Trompeten-Echo vom Königssee blies.
Der damalige Berchtesgadener Landrat versprach den Rodlern 20 000 D-Mark Startkapital. Doch die Verhandlungen mit zwölf (!) Landwirten und einem Hotelbesitzer, denen das Terrain gehörte, waren zäh. Und erst erfolgreich, als die Rodler zusicherten, dass für die Errichtung der 1100 Meter langen Sportanlage kein einziger Baum gefällt würde.
Dieses Versprechen ist bis heute Ehrensache. Seit 60 Jahren! Ebenso lang hat die inzwischen kombinierte Bob-und Rodelbahn deshalb „eine krumme Gerade, als einzige Bahn der Welt!“, erzählt Sepp Lenz schmunzelnd. „Um die Bäum’ herum.“ Als der Autor 1964/65 die Rodler erstmals besuchte, lernte er den heute 85-jährigen Sepp Lenz kennen. Als Architekt und Baumeister, der die Feierabend-Freiwilligen anleitete und selbst mit einem Brauereihammer die Eisziegel justierte: mehrere tausend, herausgesägt aus dem Aschauerweiher und Hintersee. Drei Monate hielt die Natureis-Kunstbahn damals (meistens), als auf die Winter noch Verlass war.
Lenz’ aktive Laufbahn war da, Anfang Dezember 1964, schon Geschichte: jäh gestoppt zehn Monate zuvor durch einen kapitalen Sturz beim Auftakttraining der Olympischen Spiele in Innsbruck. Eine Armversteifung blieb zurück. Damals bekam ein Leitmotiv der Sportler – hinfallen und aufstehen – für Sepp Lenz eine besondere Bedeutung. Er „stand auf“ als Trainer. Sein ehemaliger Königsseer Schuldirektor Richard Hartmann (1914-1984), Rodelvisionär und dynamischer Praktiker, entdeckte in seinem Schüler „Sepperl“ das Sportlehrertalent, berief ihn 1966 zum ersten deutschen Rodel-Bundestrainer. Zunächst auf Honorarbasis.
In seiner 29-jährigen Ägide wurde der Trainer Lenz eine Symbolfigur des Rodelsports. Auch für uns Journalisten: stets freundlich, gesprächsbereit, originell.
Als er fast 60 Jahre alt war – ein zweiter Schicksalsschlag. Beim Bahnausbessern in Winterberg fuhr ihm eine amerikanische Rodlerin den linken Unterschenkel ab. Es war der 16. Dezember 1993.
Acht Wochen später coachte Lenz, mit Prothese und auf Krücken, in Lillehammer schon wieder sein Olympiateam, assistiert von Thomas Schwab, der an der Sporthochschule Köln ein prämiertes Trainerexamen hingelegt hatte und 1995 schließlich in die Spur von Sepp Lenz ging. Diese wurde genauso erfolgreich wie die des Lehrmeisters, den er traditionell Heiligabend vormittags besucht, zu einem „Erinnerungsschoppen“ und um ein paar Forellen mitzunehmen, „fangfrisch“ aus Lenz’ kleinem Naturweiher.
Stehaufmann Sepp Lenz meistert das Leben seit 26 Jahren mit einem Handicap, das man ihm kaum anmerkt. Er lernte seinen sechs Enkeln das Skifahren, fuhr sogar Mountainbike und ging fast täglich mit seiner Frau Annelies wandern. Früher „am Berg“, wo er dem Autor voranstieg. Heute tut’s eine flache Runde um den Hintersee. Zudem sind seine Augen nicht mehr so gut. Deswegen hat er das Auto in den Ruhestand versetzt; lässt sich aber fast täglich mit „Familientaxi“ zur Rodelbahn fahren. Zitat: „Damit der Opa nach dem Eis zu schauen kann.“
Dieser eis-weise Sepp Lenz vom Königssee – Rodelmeister, Erfolgstrainer, Schlitten-und Bahnbauer, Schicksalsbezwinger – möchte seinen „85.“ diesmal nur mit der Familie genießen, die ihn liebt und verehrt; in einem Berggasthof hoch über dem Berchtesgadener Land. Für das hat er Sportgeschichte geschrieben. „Habe die Ehre“, lieber Sepp Lenz.