Schiedsrichter in aller Munde

Dritte Mannschaft auf dem Platz

von Redaktion

HANNA RAIF

Das Team um Sascha Stegemann trat am Mittwochabend geschlossen den Heimweg an. Alle vier Mann des Schiedsrichtergespanns verließen die Allianz Arena nach dem Pokal-Erfolg des FC Bayern in einer Reihe, frisch geduscht, mit Rollkoffer in der Hand. Sie grinsten, grüßten freundlich, und der Chef murmelte einen Satz in sich hinein, der bezeichnend war. Als er die Reporter passierte, sagte der Referee: „Wenn keiner was von uns wissen will, ist das immer ein gutes Zeichen.“

Tatsächlich ist es ja so, dass Schiedsrichter-Interviews in der laufenden Saison Hochkonjunktur haben. Das liegt allerdings nicht daran, dass das Medieninteresse stetig steigt, sondern vielmehr an einem Fakt, der der Zunft nicht wirklich schmeichelt. Es vergeht kein Spieltag – und freilich auch keine Pokal-Runde –, ohne dass eine (Fehl-)Entscheidung auf dem Platz zum bestimmenden Thema wird. Und noch schlimmer: Selbst nach den Statements der Verantwortlichen herrscht häufig mehr Unverständnis als Erhellung.

Die aktuelle Bilanz der Woche, in der noch eine Bundesliga-Runde folgt: eine Gelb-Rote-Mecker-Karte gegen den Gladbacher Alassane Plea. Ein aberwitziger Platzverweis gegen den Schalker Trainer David Wagner. Eine ausbleibende Rot-Sanktion gegen den Bremer Schubser Niklas Moisander. Und noch ein paar weitere strittige Entscheidungen, unter denen die Abseitsstellung von Thomas Müller beim vermeintlichen 1:0 der Bayern am Mittwoch nichts anderes als eine kleine Randnotiz ist.

Irren ist menschlich, Menschen machen Fehler, und sowieso gibt es auch oft mehr als eine Meinung. Wenn aber die Schiedsrichter von heute für sich in Anspruch nehmen, das Spiel transparenter, verständlicher und vor allem fairer machen zu wollen, ist das derzeitige Bild ihres Wirkens in Deutschland erbärmlich. Dass der Videobeweis nur partiell funktioniert, ist als Dauerproblem längst im Hintergrund verschwunden. Vielmehr hat man inzwischen den Eindruck, als verstärke die Handhabung diverser neuer Regeln den Drang zur Profilierung. Nach dem Motto: Wer Macht hat, muss sie nutzen.

Die Verhältnismäßigkeit geht da oft verloren. Zum Beispiel, wenn ein Referee nicht als Erster die neue harte Mecker-Linie missachten will. Oder eine offensichtliche Fehlentscheidung nach eigener Überprüfung am Bildschirm nicht revidiert wird. Die Schiedsrichter wirken derzeit wie eine dritte Mannschaft auf dem Platz, die um den eigenen Sieg kämpft. Der Sache dient das nicht.

Hanna.Raif@ovb.net

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