Deutsches Handball-Theater

Hannings zweifelhafte Rolle

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Gerade einmal ein Jahr ist es her, da hatte es ganz den Anschein, als stünde der deutsche Handball vor großen Zeiten. Das deutsche Publikum hatte die Sportart bei der WM wiederentdeckt, aufgrund grandios kämpferischer Auftritte schnellten die TV-Einschaltquoten auf bis zu knapp zwölf Millionen hoch. Das einhellige Urteil: Tolle Typen, toller Sport. Da schmerzte auch kaum, dass eine Medaille als Viertplatzierter knapp verfehlt wurde.

Von diesem Überschwang ist nicht viel übrig geblieben. Es kracht und ächzt im deutschen Handball, die Stimmung ist tief im Keller. Und mit Bundestrainer Christian Prokop – den viele für ganz okay und in jedem Fall für nett hielten – fand sich nun auch ein prominentes Opfer. Kein Zweifel: Das ist schon mehr als ein Kriseln.

Fest steht, dass die EM eine verpasste Chance war, Platz fünf war weniger als erhofft. Vor allem die Vorrunde verlief unansehnlich. Prokop, der das Abschneiden schönzureden versuchte, trug die sportliche Verantwortung. Seine Medaillenausbeute aus drei großen internationalen Turnieren: Null. Der Anspruch im deutschen Handball ist ein anderer. So gesehen lag es nahe, sich darüber Gedanken zu machen, inwieweit Prokop das Anforderungsprofil noch erfüllte. Es sprach so viel dafür, an ihm festzuhalten – wie auch dagegen.

Allerdings waren es vor allem die Umstände des Trainerwechsels, die zum aktuellen Imageschaden führten. Und da spielte der auffälligste Mann des deutschen Handballs eine besonders zweifelhafte bis inakzeptable Rolle. Vizepräsident Bob Hanning, der sich gerne mit schrillem Outfit selbstgefällig inszeniert, stiftete mit – angeblich missverstandenen – Aussagen zu Prokop schon während der EM enorme Unruhe. Dann bekannte er sich plötzlich überraschend konsequent zum angeschlagenen Coach: „Prokop stand kein einziges Mal intern zur Disposition. Wir wollen mit ihm zu Olympia.“ Nun also das abrupte Ende. Transparentes und stilvolles Handeln sieht anders aus. Es gibt gute Argumente dafür, dass mit Prokop auch gleich Hanning gehen sollte.

So weit, so schlecht. Allerdings trifft das nicht auf die Qualitäten des neuen Bundestrainers zu. Alfred Gislason geht ein Ruf wie Donnerhall voraus. Seine Kompetenz, seine Autorität, seine Erfahrung sind unbestritten. Auch die vielen Erfolge sprechen für sich. Gislason verfügt über alle Attribute eines Hoffnungsträgers. Und das hat der deutsche Handball derzeit dringend nötig.

Armin.Gibis@ovb.net

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