Kampf der Spielkulturen

von Redaktion

Der FC Bayern trifft im Liga-Hit auf Leipzig – und eine andere (Sport)-Welt

München – Mass Helles gegen Dose Red Bull, fast 120 Jahre Geschichte gegen elf Jahre, 59 große Titel gegen null: Am Sonntag (18 Uhr, Sky) kommt es zum Bundesliga-Gipfel zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig – und damit auch zum Kampf der Kulturen. Der deutsche Rekordmeister trifft als Spitzenreiter auf den Verfolger und Retortenklub aus Sachsen. Die Münchner gehen mit einem Punkt Vorsprung in das direkte Duell, das zumindest einen großen psychologischen Effekt im Titelrennen haben dürfte. Vorab analysiert unsere Zeitung die beiden Klubs, ihre Torjäger und die Trainer Hansi Flick und Julian Nagelsmann.

VON JONAS AUSTERMANN UND JOSÉ CARLOS MENZEL LÓPEZ

Bayern-Coach Hansi Flick (54) meint zwar, dass der Liga-Gipfel „kein Spiel der Trainer“ wird, dennoch stehen er und Kontrahent Julian Nagelsmann am Sonntag besonders im Fokus. Die beiden kennen sich aus Hoffenheimer Tagen: Flick war von Sommer 2017 bis Februar 2018 Geschäftsführer, Nagelsmann damals der jüngste Bundesligacoach der Historie. „Ich schätze Julian sehr“, sagte der Münchner Trainer vor dem ersten Duell. „Er hat eine gute Philosophie und klare Gedanken, wie er seine Mannschaft spielen sehen möchte.“ Auch Flick macht seit der Beförderung im November viel richtig: Der FCB stört den Gegner früh, ist flexibel im Spielaufbau und agiert offensiver.

Flick gegen Nagelsmann

Während Flick erst mit Mitte 50 den Durchbruch als Cheftrainer packte, gilt Julian Nagelsmann schon mit 32 Jahren als Mann der Zukunft. Im Sommer wagte er mit dem Wechsel von Hoffenheim nach Leipzig den nächsten Schritt – mit Erfolg. RB war zur Winterpause Spitzenreiter, knickte erst danach etwas ein. Nagelsmanns Stil? Der Heißsporn bündelt die Kräfte in der Mitte, lässt meist mit zwei Stürmern und auch dahinter mit zentrumsorientierten Mittelfeldakteuren spielen. Auch Nagelsmann hat gute Erinnerungen an Flick, meinte: „Hansi ist ein unglaublich herzlicher Mensch. Ich freue mich, dass er seiner Berufung, Trainer zu sein, jetzt wieder nachgehen kann.

Erfahrung gegen junge Wilde

Nicht nur Coach Nagelsmann ist – vergleichsweise – blutjung, sondern auch die elf Leipziger, die den FC Bayern am Sonntag schocken sollen. Das durchschnittliche Alter der RB-Formation beträgt gerade einmal 23,5 Jahre. Und auch in Sachen Erfahrung sieht es nicht viel besser aus: Die mögliche Startelf kommt gemeinsam auf die Erfahrung von 807 Ligapartien (FCB: 2199), durchschnittlich sind das 73 Einsätze im Oberhaus. Das ist nicht groß verwunderlich, denn der Retortenclub erwarb selbst erst im Sommer 2009 das Startrecht des SSV Makranstädt in der Oberliga Nordost. Dank der Kohle des österreichischen Brausekonzerns Red Bull um Milliardär Dietrich Mateschitz klappte bereits 2016 der Sprung in die Bundesliga. Seitdem gab RB für neue Spieler rund 283 Millionen Euro aus, 2019 lag der anvisierte Jahresumsatz bei 300 Millionen. Größter Erfolg der jungen Clubgeschichte ist bis dato die Vizemeisterschaft im Jahr 2017.

Der FC Bayern besteht heuer schon seit fast 120 Jahren, gehört spätestens seit den 1970er Jahren zu den ganz großen Namen in Fußball-Deutschland – und ist aktuell auf der Jagd nach dem 30. Meistertitel und dem achten in Serie. Wirtschaftlich sind die Münchner die absolute Topkraft in der Bundesliga, setzten in der abgelaufenen Saison über 750 Millionen Euro um. In den letzten vier Spielzeiten, also seit dem Bundesliga-Aufstieg der Leipziger, kaufte der FC Bayern neue Spieler für 340 Millionen. Der Blick auf die wahrscheinliche Startelf für Sonntag verrät: Flicks Formation dürfte ein Durchschnittsalter von 26,8 Jahren und die Erfahrung von durchschnittlich 200 Bundesligaspielen haben. Hinzu kommt, dass der FCB daheim gegen Leipzig bisher stets gewann: 3:0, 2:0, 1:0.

„Lewa“ contra Werner

29 Einsätze, 35 Tore, drei Vorlagen – die Zahlen von Robert Lewandowski (31) werden gefühlt jede Saison noch besser als sie zuvor ohnehin schon waren. Hansi Flick schwärmt über seinen Knipser: „Robert ist für mich der beste Mittelstürmer, seine Torquote ist sensationell gut. Er setzt auch gegen den Ball Impulse und hat vor dem Tor eine enorme Qualität, die ich so selten gesehen habe.“ Und Leipzigs Ballermann Timo Werner? „Ich schätze ihn sehr“, meinte der Bayern-Coach nur.

29 Einsätze, 25 Tore, zehn Vorlagen: Timo Werner (23) spielt heuer die beste Saison seiner Karriere – das steht bereits vor dem 21. Spieltag fest. In der Bundesliga liegt Werner zwei Treffer hinter Lewandowski. Der deutsche Nationalspieler verriet unlängst im Kicker: „Ich würde lieber Meister werden, als die Torjägerkanone gewinnen.“ Viel Lob bekam Werner von Joshua Kimmich: „Ohne das abwertend zu meinen, ist diese Quote bei Leipzig noch mal eine andere Hausnummer.“

Coman zurück, RB-Kapitän fehlt

Die gute Nachricht überbrachte Hansi Flick gleich zu Beginn der Pressekonferenz: Kingsley Coman steht nach seinem Kaspeleinriss im linken Knie gegen RB Leipzig wieder im Kader. Somit fehlen den Münchnern nur noch Niklas Süle (Kreuzbandriss), Javi Martinez (Muskelbündelriss im Oberschenkel) und Ivan Perisic (Bruch am Außenknöchel). Von den fitten Spielern erwartet Flick Vollgas, die turbulenten Schlussminuten beim Pokalsieg gegen Hoffenheim (4:3) seien „abgehakt. Wir haben die richtigen Schlüsse daraus gezogen“. Der FCB-Coach stellte außerdem klar, dass der Liga-Gipfel gegen Verfolger Leipzig für ihn keinesfalls ein Endspiel sei. „Denn“, so Flick, „danach sind immer noch 13 Spiele zu spielen“.

Mit Kapitän Willi Orban (Knie-OP) und Ibrahima Konate (Hüftverletzung) fallen zwei Abwehrspieler weiterhin aus, zudem gab Leipzig im Winter mit Stefan Ilsanker (Frankfurt) und Marcelo Saracchi (Galatasaray) zwei Defensivkräfte ab. Im Mittelfeld fehlt der Ex-Dortmunder Kevin Kampl (Fuß-OP). Mit Dani Olmo (21/Zagreb) und Angelino (23/ManCity) kamen zur Rückrunde zwei Neue, in München dürften die Beiden aber zunächst noch auf der Bank Platz nehmen. Nach dem jüngsten Aus im Pokal-Achtelfinale bei Eintracht Frankfurt meinte Nagelsmann: „Dass wir nicht vor Selbstvertrauen strotzen, ist keine Schande. Wir müssen uns trotzdem nicht verstecken, denn ganz blind sind wir nicht.“

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