„Vom Titel zu reden ergibt keinen Sinn“

von Redaktion

RB-Sportdirektor Markus Krösche über Größenwahn, sein wachsendes Adressbuch und eine Krise, die keine ist

München – Die Woche in Leipzig war turbulent, aber glaubt man Markus Krösche (39), haben weder das Pokal-Aus noch der Verlust der Tabellenführung Auswirkungen auf den Liga-Gipfel an diesem Sonntag (18 Uhr). Der RB-Sportdirektor – seit Sommer Nachfolger von Ralf Rangnick – ist bestens gelaunt beim Interview. Er freut sich auf ein Spektakel ohne echten Favoriten.

Herr Krösche, was schmerzt mehr: Der Verlust der Tabellenführung oder das Aus im Pokal?

Das Aus im Pokal, weil es endgültig ist. Das ist ärgerlich, aber wenn man sich die 90 Minuten anschaut, muss man sagen: Wir sind verdient ausgeschieden. Leider.

Was ist das aktuell – Formdelle oder Krise?

Eine Krise ist es auf keinen Fall. Wir haben es nur in der Rückrunde noch nicht geschafft, unser Potenzial über 90 Minuten auf den Platz zu bekommen. Wir machen zu viele einfache Fehler, die aber leider auch direkt bestraft werden. Aber es gehört zum Entwicklungsschritt einer Mannschaft dazu – wir haben eine sehr junge Mannschaft –, auch mal eine solche Delle zu durchlaufen.

Man kann daran ja auch wachsen.

Genau! Man wächst ja an „negativen Dingen“ mehr als an positiven. Deshalb müssen wir unsere Lehren ziehen. Dann werden wir auch wieder Spiele gewinnen.

Nach dem ersten verlorenen Spiel 2020 gab es eine Wutrede von Julian Nagelsmann, im Oktober sprachen Sie in der Herbstkrise selbst zur Mannschaft – und jetzt?

Das mache ich jetzt nicht, weil es eine komplett andere Situation ist. Damals hatten wir ganz andere Themen, jetzt aber sehe ich: Die Jungs wollen, sie geben Gas, versuchen, jedes Spiel an die Grenzen zu gehen. Nur leider machen wir momentan den einen oder anderen Fehler zu viel, lassen die eine oder andere hundertprozentige Torchance liegen. Das ist eine unglückliche Kombination, auch das Spielgeschehen ist dann oft nicht auf unserer Seite. Aber Julian (Nagelsmann/d.Red.) macht das sehr gut, es wäre nicht sinnvoll, wenn ich da jetzt eingreife.

Kann man dem Pokal-Aus eine positive Sache abgewinnen: Mehr Fokus auf die Meisterschaft?

Leider nein. Das ist so eine klassische Fußball-Floskel (lacht). Da gibt es nichts schönzureden.

In der Liga stand zuletzt ein 2:2 gegen Gladbach, mit einer ersten Hälfte, die in München sicher höher bestraft werden würde.

Das ist auch nicht unser Ziel. Wir wollen am Sonntag schon über 90 Minuten das zeigen, was wir können. Das müssen wir auch! Wir müssen an die Grenzen gehen. Es ist wieder ein Meilenstein, eine Herausforderung, und wir können auch sehen, wie weit wir sind. Ganz ehrlich: Wir freuen uns auf das Spiel.

Können Meisterträume am Sonntag platzen?

Überhaupt nicht. Das ist kein Druck, kein Endspiel. Das Pokalspiel war ein Endspiel. Aber das Bundesliga-Spiel gegen Bayern ist es nicht, weder für Bayern noch für uns. Es wird eine sehr interessante Partie, weil zwei super Teams aufeinandertreffen und die Tabellen-Konstellation es hergibt. Spektakel ist vorprogrammiert, denke ich.

Ist die Verfolgerrolle eventuell sogar dankbarer als die des Gejagten?

Ehrlich gesagt: Es ist egal, ob du der Gejagte oder der Jäger bist. Weil wir all unsere Energie darauf verwenden, unseren Fußball über 90 Minuten auf den Platz zu bringen. Alles drumherum zählt nicht.

Die bisherigen Ergebnisse in München: 0:3, 0:2, 0:1 – dazu jeweils eine Rote Karte. War die Mannschaft noch nicht so weit für diese Nervenspiele?

An solchen Spielen wächst man, sammelt Erfahrung, und wir haben ja in den Champions-League-Spielen in dieser Saison schon gezeigt, dass wir auf Top-Niveau unsere Leistung abrufen können. Die Mannschaft ist ein Stück weiter als in den Vorjahren. Trotzdem wird es ein schweres Spiel.

Man ist sich aber dessen bewusst, dass man den Bayern eine empfindliche Niederlage zufügen könnte, oder?

Das ist unser Ziel. Wir fahren nicht nach München, damit die 90 Minuten schnell rum gehen. Sondern wie bei jedem anderen Spiel auch – um es letztlich zu gewinnen.

Das sagen nicht allzu viele Gegner, die anreisen.

Da geht es um Selbstvertrauen, aber vor allem auch Überzeugung, dass wir eine Mannschaft haben, die in der Lage ist, in München zu gewinnen.

In München ist es in Krisenzeiten oft so: Wenn Robert Lewandowski nicht trifft, geht gar nichts. Timo Werner hat nun drei Mal nicht getroffen. Besteht da eine Abhängigkeit?

Timo hat einen sehr, sehr großen Wert für uns. Nicht nur durch seine Tore, sondern auch durch seine Assists. Aber es ist ja nicht so, als wären wir nicht in der Lage, Tore zu schießen. In dieser Saison haben bislang auch zwölf andere Spieler aus unserem Kader Tore erzielt.

Dieses Torjäger-Duell macht aber Spaß, oder?

Und wie! Es freut mich immer für Timo – aber auch für uns. Es wäre natürlich schön, wenn Timo am Sonntag trifft und damit das direkte Duell gewinnt (lacht).

Sind 40 Tore drin?

Warum nicht? Mit bereits 20 Toren ist Timo ja auf einem ganz guten Weg.

An der Liga-Spitze sieht es nach einem Dreikampf zwischen Bayern, dem BVB und RB aus. Was entgegnen Sie, wenn Dortmund sich als zweite Kraft sieht?

Wir sind ein junger und ambitionierter Club, der in den letzten vier Jahren erfolgreich Fuß gefasst und sich etabliert hat. Wir sind auf einem guten Weg, und unsere Philosophie, junge Spieler weiterzuentwickeln, funktioniert sehr gut. Irgendwann ist es unser Anspruch, uns in dieser Spitzengruppe festzusetzen. Aber aufgrund der Historie muss man schon sagen, dass Dortmund momentan – was finanzielle und diverse andere Rahmenbedingungen angeht – ein Stück vor uns ist. Das ist für uns aber auch okay und logisch.

Wie war die zweite Transferperiode Ihrer Amtszeit? Wertschätzung muss man sich ja auch als Manager erst erarbeiten.

Noch intensiver als gedacht. Ich persönlich, aber auch wir alle, können zufrieden sein. Wir haben Dani Olmo davon überzeugen können, zu uns zu kommen. Wir haben in Angelino noch mal jemanden dazu bekommen, der uns Flexibilität gibt. Wir haben den Kader verschlankt, aber qualitativ verstärkt.

Wie viele neue Nummern hat Ihr Netzwerk, seitdem Sie in Leipzig sind?

(lacht) Es sind schon zwei, drei dazu gekommen. Vorher war der Schwerpunkt in meinem Adressbuch Deutschland, Österreich und Holland. Jetzt ist das Ganze doch schon etwas internationaler aufgestellt. Kontakte schaden ja nicht.

Im Sommer sagten Sie, die Werner-Verlängerung wäre ein Zeichen an die Liga gewesen – ist das nun auch der Olmo-Transfer?

„Zeichen an die Liga“ – diese Formulierung trifft es nicht so auf den Punkt. Erst mal und vor allem ist es ein Zeichen für uns, wenn ein Dani Olmo, der von vielen internationalen Topclubs umworben wurde und zahlreiche Angebote hatte, sich für uns entscheidet. Das ist eine Bestätigung für unseren Weg.

Was waren die „Turbulenzen“ kurz vor dem Vertragsabschluss, von denen Sie zuletzt sprachen?

Es ergibt wenig Sinn, diese auszuführen. Ich kann nur sagen, dass der eine oder andere Verein im letzten Moment versucht hat, ihn durch materielle Aspekte zu überzeugen, nicht zu uns zu kommen. Er hat aber schnell gesagt: Nein! Es ist die richtige Entscheidung, nach Leipzig zu gehen. Auch daran haben wir gesehen, dass es definitiv der richtige Transfer war und er ein Spieler ist, bei dem der Charakter stimmt.

Dass dieser Verein aus München kam, bestätigen Sie aber nicht, oder?

(lacht) Belassen wir es dabei. Ich war schon immer schlecht in Geografie.

Hasan Salihamidzic erklärte erst kürzlich, warum Werner nicht zu Bayern passt. Nervt das – oder freut es Sie gar?

Weder noch. Wir sind froh, dass Timo bei uns ist – und zu uns passt er perfekt (lacht).

Auch Nagelsmann ist einer, der immer mal wieder in München genannt wird… Ist er schon komplett oder lernt er noch?

Wir lernen ja alle immer, jeden Tag. Julian ist jung, ich bin auch noch nicht so alt. Er ist ein hochtalentierter Trainer mit sehr vielen Fähigkeiten. Er wird wahrscheinlich in Zukunft einer der Top-Trainer in Europa sein. Aber dafür will er noch dazulernen.

Hat er die Wahrnehmung von RB noch einmal positiver ausschlagen lassen?

Das glaube ich schon, weil er einfach perfekt passt. Er ist ein Stück weit ein positiv Verrückter, hat eine unfassbare Energie, die er in den Club und in die Mannschaft transportiert. Das tut uns einfach gut – und kommt an.

Was wäre die Bilanz, auf der Sie nach Ihrem ersten Jahr bei RB stolz wären?

Den Pokal müssen wir abhaken – aber man kann ja nicht alles erreichen (lacht). Wir wollen uns für die Champions League qualifizieren und in der Champions League auch noch mitmischen.

Das M-Wort nimmt niemand in den Mund…

Meisterschaft? Das ergibt ja auch keinen Sinn. Das meine ich nicht als Understatement, aber wir sind realistisch. Wenn wir unseren Fußball spielen, werden wir wieder viele Spiele gewinnen. Dann wird man sehen, für welche Platzierung es reicht. Wir wollen aber nicht größenwahnsinnig werden.

Ein Sieg in München wäre in der Bilanz sicher auch nichts schlecht.

Da haben Sie recht. Sehr gut sogar. Den nehme ich gerne. Dafür brauchen wir aber eine Top-Performance.

Interview: Hanna Raif

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