ZWISCHENTÖNE

Die Sportwelt versinkt in Größenwahn und Kommerz

von Redaktion

In diesen Wochen, da sich Karl-Heinz Rummenigge schon mächtig freut auf den weiteren „Schritt nach oben“ (den der gewöhnliche Fußballfan eher als weiteren Schritt ins Chaos werten dürfte), wird wieder einmal deutlich, worum es im Sport geht: Um Geld, um unverschämt viel Geld. Der jetzt wieder anlaufende Milliarden-Poker um die TV-Rechte im Fußball wird so viele Mitbieter anlocken wie nie zuvor, TV-Sender, Streamingdienste, selbst Amazon wird wohl dabei sein, vielleicht auch Disney und Google. Und wenn dann die Rechte verhökert sind, der Fan, so er alles sehen will, vor der Wahl steht, vier oder fünf Abos abzuschließen oder eben auf manche Spiele seines Clubs zu verzichten, werden sich die Vereinsbosse die Hände reiben, dass sie sich nun noch teurere Stars, noch irrsinnigere Ablösesummen und noch absurdere Gehälter leisten können. Weil der Fußball halt noch immer eine Strahlkraft hat, die stärker ist als jede Vernunft.

Aber es ist ja nicht nur der Fußball, der völlig überdreht. Eben haben wir erfahren, was wir bei Olympia in Pyeongchang wegen eines gerissenen Kreuzbandes möglicherweise verpasst haben: Hätte er, so erzählt Felix Neureuther, dort eine Medaille gewonnen, er hätte sie nicht angenommen. Aus Protest, weil es den olympischen Profitgeiern nur noch darum geht, alles noch gigantischer zu machen, mit noch mehr Geld. Der olympische Gedanke sei gut, absolut einzigartig, doch er werde mit Füßen getreten. Diese Aktion Neureuthers hätten wir nur zu gerne gesehen.

Überall im Sport greift er um sich, der Größenwahn, der überbordende Kommerz, dem alles untergeordnet wird, der den Sport kaputt macht. Und hat der Neureuther nicht sogar recht, wenn er sich Zeiten zurückwünscht wie die, als seine Eltern noch Rennen fuhren? Zehn Abfahrten, zehn Slaloms, zehn Riesenslaloms, das war‘s. Weniger kann mehr sein, bei der FIS aber glaubt man, mit einer Inflation an Wettbewerben den alpinen Skisport attraktiver zu machen. Und erreicht exakt das Gegenteil. Im Fernsehen werden Rennen nicht mal mehr unbedingt live gezeigt (im Gegensatz zu Biathlon), mit neuen Formaten will die FIS neues Interesse wecken. Wen aber begeistern Parallelslaloms, für Neureuther der größte Schwachsinn aller Zeiten?

Überall in den Verbänden hocken sie inzwischen, die gewieften Manager und Marketingexperten, die sich immer verrücktere Dinge einfallen lassen, um ihre Sportart spektakulärer zu machen, telegener, um ranzukommen an die fetten Geldtöpfe, die Fernsehen und Werbung ausschütten. Aber so viel zerstören von dem, was den Sport einst ausgemacht, was den Zuschauer fasziniert, was während der Arbeitswoche Vorfreude geweckt hat auf ein tolles Sportwochenende.

Heute hat man keinen Überblick mehr, was wann und wo zu sehen ist, was im TV, was per Stream, längst ist man satt, übersättigt von einem völlig wirren und unübersichtlichen Angebot. Das dann gipfelt beim Fußball. Der Spieltag völlig zerrissen, zu sehen einmal bei Sky, Dazn, Telekom, Netflix, Apple, dann wohl bald bei Disney oder Google. Und wie lange sich die gute alte Sportschau wird behaupten können, ist ungewiss. Auch so kann man seine Fans verprellen. Aber stimmt die Kasse, ist es bestimmt ein weiterer „Schritt nach oben“. Oder, Herr Rummenigge?

Schade, dass Leute wie Neureuther, die den Sport noch im Herzen tragen, die nicht nur Dollarzeichen sehen, nach ihrer aktiven Karriere nicht das Ruder übernehmen und endlich Stopp brüllen. Wahrscheinlich aber ist es so, wie der Felix sagt, dass er nie Funktionär werden könnte. Weil er viel zu kritisch denkt. Und nur Ja-Sager erwünscht sind. Die für maximalen Profit die Werte des Sports maximal verhökern.

Von Reinhard Hübner

Der aktuell laufende Milliardenpoker um die TV-Rechte im Fußball zeigt wieder, was den Sport bestimmt: Geld.

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