Paris/Dortmund – Die schmutzige Scheidung ist angeblich vergeben und vergessen, zumindest ein Anschein von Harmonie erwünscht. Thomas Tuchel aber bekam nach seinem Friedensangebot eine Stichelei zurück, die Hans-Joachim Watzke bestens in einem Strauß Komplimente versteckt hatte.
Emotionen spielten beim knisternden Aufeinandertreffen der Alphatiere gar keine Rolle, sagte der Boss von Borussia Dortmund vor dem Champions-League-Duell am Dienstag (21.00 Uhr): Schließlich „kommt ja nicht Jürgen Klopp zurück“. Autsch.
Dass Tuchel und sein früherer Chef „sicherlich keine großen Freunde mehr werden“ (Watzke), ist derzeit aber nicht das Hauptproblem des Trainers von Paris St. Germain. Tuchel sitzen nach drei Achtelfinal-Knockouts von PSG in Serie die katarischen Investoren im Nacken, die mit Meistertiteln oder dem Ligapokal nicht annähernd zu besänftigen sind.
Schlimmer als das Last-Minute-Aus gegen Manchester United im Vorjahr (2:0/1:3) kann es für Tuchel 2020 nicht kommen. Muss es auch nicht. „Wenn’s gleich wird, ist’s schlimm genug“, sagte der 46-Jährige, der um das „bizarre Scheitern“ seiner Mannschaft in den vergangenen Jahren weiß, der Welt am Sonntag. 2017 fegte PSG den FC Barcelona mit 4:0 aus dem Prinzenpark – und verlor das Rückspiel 1:6. Ein Drama.
Damals trainierte Tuchel noch Dortmund, bevor er sich in Folge des Bombenanschlags auf den BVB-Bus von Watzke entzweite. Er legte danach ein Sabbatjahr ein, lernte Französisch und ging nach Paris, wo er schon drei jener Titel holte, die den Kataris nahezu egal sind: französischer Meister 2019, französischer Supercupsieger 2018 und 2019.
Ohne den ganz großen Wurf in der Königsklasse wird sich Tuchel im Schlagschatten des Eiffelturms nicht lange halten können. Die Geldgeber, die 222 Millionen Euro für Neymar ausgaben und 180 Millionen für Kylian Mbappe fordern Ergebnisse: gerne in Form eines silbernen Henkelpokals. Tuchel verpackt das, „weil es im Inneren des Sturms am ruhigsten ist“.
Notfalls setzt er auf Meditation, Yoga oder eine Runde auf dem Laufband. Ohnehin will er beim Thema Fußball eigentlich nicht groß aus der Haut fahren: „Ich habe schon meiner Oma, die sich immer fürchterlich aufregt bei Spielen, immer gesagt: Es ist am Ende nur Sport. Wir operieren keine Kinder, wir retten keine Leben.“ Doch Worte sind keine Taten. Als sein Team die Generalprobe beim SC Amiens (4:4) in den Sand setzte, war es mit der Gelassenheit nicht mehr weit her.
In einer feurigen Rede wechselte Tuchel vom Französischen ins Englische und wieder zurück. „Die ganze Welt denkt jetzt: Oh, sie werden unruhig, unruhig, unruhig, sie haben viele Probleme“, sagte Tuchel mit Zynismus in der Stimme, „aber nein. Das ist das Leben! Das ist Fußball!“
In Dortmund wird es ein ganz anderes Spiel werden. Nach zweieinhalb Jahren Eiszeit biete es aber „keine Bühne, um irgendetwas aufzuarbeiten“, sagt Tuchel. „Die Dinge sind aufgearbeitet und verarbeitet für mich.“ sid