München – In der Liga ist dieses Duell eigentlich nichtig. Denn selbst wenn Erling Haaland weiter trifft und trifft und trifft, wird er 15 Tore auf Robert Lewandowski nicht mehr aufholen. Nimmt man aber die Rückrunde als Maßstab, steht es nach Toren 8:4 für den jungen Mann aus Dortmund, der inzwischen nicht mehr nur die Bundesliga, sondern auch Europa verzückt. Den jungen Mann, der Paris St. Germain am Dienstag nahezu im Alleingang erledigt hat. Genau den jungen Mann, den der FC Bayern nicht haben wollte.
„Man darf nicht den Fehler machen und denken, dass Bayern München automatisch Interesse haben muss, weil Dortmund Interesse hat“, hat Karl-Heinz Rummenigge jüngst im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Der Branchenführer aus München ist derzeit erpicht darauf, Transfers nachhaltig zu planen, „ausschließlich auf unsere eigenen Bedürfnisse ausgerichtet“, wie Rummenigge fortführte. Im konkreten Fall von Haaland hatte man den Norweger von dessen Wechsel Anfang 2019 zu RB Salzburg auf dem Zettel, bekam den Zuschlag aber nicht. Heuer dann zog er für 20 Millionen Euro zum BVB, der unter anderem RB Leipzig, Manchester United und Juventus Turin ausstach. Die Meinung in München lautete: Ein Stürmer-Duell muss man sich nicht ins Haus holen. An Lewandowski führt kein Weg vorbei.
Und so waren also auch die Bayern-Bosse am Dienstag Zuschauer aus der Ferne, als Haaland seine genialen Auftritte aus den Vorwochen im Champions League-Achtelfinale gegen Paris fortführte. Nach acht Toren in der Gruppenphase für Salzburg hat der 19-Jährige in der Torschützenliste der Königsklasse nun zu Spitzenreiter Lewandowski aufgeschlossen und das Knipser-Duell auf der europäischen Bühne eröffnet. Dass er der erste Dortmunder ist, der bei seinem Bundesliga-, seinem DFB-Pokal- sowie seinem Champions-League-Debüt getroffen hat, ist eine nette Randnotiz in den Geschichtsbüchern. Elf Tore in sieben Pflichtspielen sind aber keinem anderen Stürmer in Europas Top-5-Ligen gelungen. Rummenigges Worte – „wir haben den weltbesten Mittelstürmer“ – stehen auf dem Prüfstand.
Natürlich ist der Reflex der Branche, Stichwort Schwarz-Weiß-Denken, nicht immer richtig. Denn man darf auch nicht vergessen, dass Haaland, zwölf Jahre jünger als Lewandowski, gerade einen Höhenflug hat, aber noch kein Superstar ist. Lewandowski steht vor seinem Start der K.o.-Phase am kommenden Dienstag beim FC Chelsea bei 63 Treffern in der Königsklasse, hat in den vergangenen acht Spielzeiten je mindestens fünf Mal getroffen und misst sich in der ewigen Torschützenliste auf Platz fünf mit den Großen wie Cristiano Ronaldo (127), Lionel Messi (113), Raul (71) und Karim Benzema (64). Trotzdem haftet seinem internationalen Wirken ein Makel an, den er in diesem Jahr vergessen lassen will. Lewandowski nämlich trifft in der Gruppenphase stets verlässlich, ist in großen Spielen aber schon lange nicht mehr erfolgreich gewesen.
Um genau zu sein, hat der Pole in den letzten sieben K.o.-Spielen der Königsklasse kein Tor erzielt. Sein letztes datiert vom 20. Februar 2018 und dem 5:0 im Achtelfinal-Hinspiel gegen Istanbul. Das Viertelfinal-Aus 2017 gegen Real konnte er nicht verhindern, 2016 schoss er sieben seiner neun Tore in der Gruppenphase. Wenn es also kommende Woche auch für die Bayern um die Wurst geht, ist Lewandowski in der Bringschuld.
Dass nicht erst ein Mitspieler in dieser Saison mit Blick auf den Stürmer von der „Form seines Lebens“ sprach und Rummenigge ihn als „professionellsten Spieler“ bezeichnet, den er neben Arjen Robben erlebt hat, passt natürlich. Lewandowski aber ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das Rampenlicht im Frühjahr greller scheint als im Herbst. Haaland hat vorgelegt – er kann jetzt nachlegen. Und auch wenn Rummenigge sagt: „Robert wird sehr, sehr lange spielen“, dürften die Bayern Haalands Ausstiegsklausel 2022 im Blick haben.