Phänomen Erling Haaland

Vergebliches Warten auf die Flaute

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Bis jetzt hat er ihnen getrotzt – den Prophezeiungen für einen Leistungseinbruch. „Es war nur RB Salzburg und die österreichische Liga“ hieß es, als der Norweger Erling Haaland anfing, beim österreichischen Dosenclub ein Tor nach dem anderen zu schießen.

„Warte mal ab, bis die Gegner sich auf seine Spielweise eingestellt haben“, unkten Berufsskeptiker, als der 19-Jährige bei seinem Bundesliga-Debüt für Borussia Dortmund drei Tore in Augsburg markierte. Darauf folgte: „Das war ja nur Augsburg. Gegen Topteams wird es schon ganz anders aussehen.“ Seine Treffer gegen den 1. FC Köln (2) und Union Berlin (2) folgten derselben Mecker-Logik.

Am Dienstag kam es nun zum ersten Duell mit einem wirklich Großen, und auch von den Superstars von Paris Saint-Germain war der Angreifer nicht zu halten. Beim ersten Tor stellte er seinen fulminanten Torriecher unter Beweis und bei seinem zweiten Streich ein außergewöhnliches Raumgefühl, gepaart mit einer traumhaften Schusstechnik. Wahrscheinlich war aber selbst dieser Gegner nicht „groß“ genug, und es herrscht erst etwas Ruhe, wenn Haaland den Defensiv-Fetischisten von Atlético Madrid fünf Tore eingeschenkt hat. Das BVB-Sturmjuwel durchläuft gerade eine gute Schule auf dem Weg zum globalen Fußball-Superstar. Er lernt, dass er es sowieso nie jedem recht machen kann.

Diese Erfahrung müssen selbst Spieler wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi noch machen. Der eine ist ein Egomane, dem der eigene Status wichtiger ist als der Teamerfolg. Und der andere zaubert gegen durchschnittliche spanische Ligagegner ordentlich, versagt allerdings regelmäßig in K.o.-Spielen, man denke nur an die argentinische Nationalmannschaft. Logisch, oder?!

Erling Haaland wird einen Einbruch erleben. Als Stürmer in einem Mannschaftssport, bei dem die eigene Leistung auch von der Form der Mitspieler abhängt, ist er unausweichlich. Wie man so eine negative Phase jedoch bewältigt, macht den Unterschied zwischen einem sehr guten und einem Weltklassespieler.

Dass Haaland physisch alle Fähigkeiten für eine gigantische Karriere mitbringt, hat er trotz seiner Jugend bereits bewiesen. Ist er psychisch genauso stark, kann er in eine Liga von Ronaldo und Messi vorstoßen – und sich weiter den Kritikern stellen.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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