Einer der vielen Sprüche, mit denen José Mourinho die Fußballwelt, nun ja, bereichert hat, spiegelt die Selbstwahrnehmung des Portugiesen wider, die offenbar noch nie von Zweifeln geprägt war. „Gott denkt bestimmt, dass ich ein geiler Typ bin“, hat der schillernde Trainer mal gesagt. Etliche Titel mit etlichen Vereinen pflastern Mourinhos Laufbahn, die der selbst ernannte Supertyp einzigartig findet wie sich selbst – und das auch schon mal so ausdrückte: „Ich habe nicht gesagt, dass ich der Beste bin. Ich kenne nur keinen Besseren.“
Zu Mourinhos Leidwesen gab es am Mittwoch für 95 Minuten einen Besseren: Julian Nagelsmann hat RB Leipzig so perfekt auf das Auswärtsspiel in Tottenham eingestellt, dass es den Gastgebern schwerfiel, für Entlastung zu sorgen – und „The Special One“ am Ende eine bittere Heimniederlage konstatieren musste. Der Vorjahresfinalist der Champions League: an die Wand gespielt von einem Club, der sich erst zum zweiten Mal überhaupt für den Wettbewerb der Besten qualifiziert hatte.
Sicher, im Rückspiel ist es Mourinho zuzutrauen, dass er mit seinen Spurs die Verhältnisse wieder geraderückt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass nicht nur Leipzig, sondern auch Nagelsmann gerade die nächste Stufe auf dem Weg zur internationalen Größe zündet. Dem ehemaligen Hoffenheimer ist es gelungen, den ansehnlich bestückten RB-Kader so auszutarieren, dass Leipzig nicht nur in der Meisterschaft eine gute Rolle spielt, sondern auch mit der schwierigen Doppelbelastung klarkommt. Und auch das spricht für den jungen Deutschen, der wie Mourinho nie Zweifel an seiner Eignung zum Toptrainer hatte: Nagelsmann kann offenbar auch Krisen moderieren. Die sog. „Friseur-Affäre“, der Stolperstart ins neue Jahr inklusive Pokal-Aus in Frankfurt: Spätestens seit Mittwochabend lässt sich behaupten, dass das Leipziger Projekt keine Folgeschäden davongetragen hat.
Europas Königsklasse darf sich, um es mit Mourinho auszudrücken, über einen neuen „geilen“ Typen made in Germany freuen. Thomas Tuchel, eben noch als größte deutsche Trainerhoffnung nach Jürgen Klopp gehandelt, muss nicht nur den PSG-Eignern aus Katar beweisen, dass er neben Abo-Meisterschaften auch international was reißen kann. Der bessere Tuchel heißt Nagelsmann. Ihm ist zuzutrauen, mittelfristig sogar der Generation Mourinho den Rang abzulaufen. Wetten, dass sich auch die Bayern wieder mit dem 32-Jährigen beschäftigen? Der Fehler, sein enormes Potenzial zu verkennen, dürfte den Münchnern nicht ein zweites Mal passieren.
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