Rund um Ultras und Hopp

Deutschland dreht durch

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Der Samstag war verrückt durch alles, was in Sinsheim passierte. Der Sonntag mit den Nachbetrachtungen auf allen Kanälen und mit weiteren Spielunterbrechungen, wo immer auch auf einem Stadiontransparent die Buchstaben H-O-P-P auftauchten, sorgte für eine Steigerung. Auch gestern ließ die Aufgeregtheit nicht nach. Auf Twitter etwa, der Plattform für den (nicht immer) gepflegten Meinungsaustausch, diskutieren Juristen, ob FC Bayern und TSG Hoffenheim sich mit ihrer zur Demonstration der Menschlichkeit umgewidmeten Schlussphase einer Spielmanipulation gemäß Rechts- und Verfahrensordnung des DFB schuldig gemacht haben. Und heute ist ja schon wieder Spieltag. Die Bayern und ihre Ultras auf Schalke. Kann man bei den Wettbüros auf die Minute der ersten Spielunterbrechung setzen? Wird Abbruch, weil eine Mannschaft vom Platz geht, zur Option neben Heimsieg, Unentschieden, Auswärtssieg?

Selbst den Versuch einer unverbissenen Annäherung an die Auswüchse des Themas muss man sich gut überlegen in diesen Tagen, die nur die Farbtöne Schwarz und Weiß zulassen. Trotzdem mal festgehalten, was einem alles befremdlich erscheinen könnte. Dazu gehört die wenig differenzierte Sichtweise der Fernsehsender. Beispiel ZDF-Sportstudio: Da sollte der Kommentator des Spiels in Köln nicht von Zuschauern sprechen als „Fußballkulturzerstörer, die in jeder Diskussion verlieren würden“, wenn man null Kenntnisse über eine – zugegeben schwierige – Szene und einen Austausch nie angestrebt hat. Da sollte Sport1 im „Doppelpass“ auch nicht Mario Basler, dessen Geschäftsmodell auf populistischer Herabwürdigung der aktuellen Spielergeneration basiert, als Botschafter wider die Beleidigung ranlassen. Und Sky: Hat sich ohnehin in einen Fußballverkaufskanal verwandelt – getrieben von der Angst, die Übertragungsrechte zu verlieren. Wundersames auch aus dem Hause SWR: „Exklusiv-Interview“ mit Dietmar Hopps Anwalt Christoph Schickhardt, der ohne entgegnende Stimme fordern darf, man solle beim Fußball auffällig gewordene Menschen „mal einen Tag in der Zelle lassen, das hat sich noch immer bewährt“.

Es muss für alle Auseinandersetzungen eine Basis geben: Die Bereitschaft, einen Vorfall mit Augenmaß in einen Kontext einzuordnen, bei der Berichterstattung nicht nur eine Seite zu hören und in der Aufarbeitung rechtsstaatliche Prinzipien zu wahren. Doch momentan ist – auf beiden Seiten – eher Kriegslust zu verspüren.

Der Fußball in Deutschland steht vor einer heiklen Woche. Das Wahnwitzige und Traurige ist, dass ihm beim Herunterkommen ein Geisterspieltag helfen könnte, der durch eine nahende Corona-Epidemie nicht auszuschließen ist. Größeres Thema. Wirklich lebenswichtig.

Guenter.Klein@ovb.net

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