München – Die Frage nach dem Verhalten im Fall der Fälle musste kommen, natürlich, aber Hansi Flick wollte sie nicht konkret beantworten. Er hoffe, sagte der Trainer des FC Bayern gestern, am Tag vor dem heutigen Pokal-Viertelfinale bei Schalke 04 (20.45 Uhr), „dass sich alles auf das Sportliche konzentriert und es so ausgetragen wird, dass wir als bessere Mannschaft weiterkommen“. Zurück zur Normalität also. Angesichts der Vorkommnisse vom Wochenende: ein Wunschtraum.
Die Blicke werden heute Abend nicht nur auf den Rasen der Gelsenkirchener Arena gerichtet sein, sondern auch bzw. vor allem auf die Ränge. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass zumindest die Gefahr eines Spielabbruchs gegeben ist. Schalke 04 hatte bereits am Sonntag angekündigt, mit einer rigorosen Haltung in die Partie zu gehen. Heißt: Sollte ein diffamierendes Plakat gezeigt werden, würde der Drei-Stufen-Plan der FIFA gar nicht zur Anwendung kommen müssen. Die Königsblauen, so hieß es in einer Mitteilung, würden „ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen“ umgehend vom Platz gehen. Das Spiel würde dann automatisch für den FC Bayern gewertet werden – der sich auf so ein Vorgehen nicht festlegen wollte.
Flick kündigte an, „dass wir noch mal sprechen, wie wir reagieren, wenn etwas passiert“. Intern gebe es da „keine zwei Meinungen“, trotzdem hält man sich mit konkreten Aussagen zurück. Immerhin bezeichnete Karl-Heinz Rummenigge die Haltung der Schalker gestern via „Bild live“ als „konsequent“ und erläuterte: Wüssten die Ultras, dass sie zwei Schmäh-Plakate zeigen dürfen, ohne einen Spielabbruch zu befürchten, würde dieser „Zirkus“ immer wieder veranstaltet. Das könne keiner wollen. Trotzdem, so der Vorstandsvorsitzende der Bayern weiter, sei ein Austausch unter den Clubs erforderlich: „Wir müssen abstimmen, wie wir mit den Dingen umgehen, die hoffentlich nicht passieren.“
Im konkreten Fall des Viertelfinals, also dem ersten Spiel der Bayern seit dem Skandal-Spiel inklusive Nichtangriffspakt von Sinsheim, gehen die Bosse der beiden Vereine voran. Bereits gestern Abend hat ein gemeinsames Treffen mit dem DFB und den Schiedsrichtern stattgefunden, in dem ein Verständnis dafür entwickelt wurde, wie in welcher Situation gehandelt wird. Schalkes Pressesprecher Thomas Spiegel hatte am Nachmittag betont, die Gratwanderung zwischen „Freiraum für Meinungsäußerung auf den Rängen“ und „keinen Platz für persönliche Schmähungen“ zu erörtern. Genau diesem Problem sind aktuell ja nicht nur die Bayern und Schalker, sondern der gesamte deutsche Fußball ausgeliefert.
„Klare Kante“ hatte Rummenigge in Sinsheim gefordert, und auch gestern betonte er: „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Intern hat der FC Bayern daher auf einer Vorstandssitzung, an der auch Präsident Herbert Hainer teilgenommen hat, die Gründung einer Anti-Hass-Kommission beschlossen. Mögliche Konsequenzen für identifizierte Täter nannte der 64-Jährige nicht, betonte aber, dass diese „nachhaltig von Bayern München bestraft werden“. Weil der Dialog mit „bestimmten Chaoten“ nicht möglich ist, sieht Rummenigge das Verhältnis zwischen Clubs und Ultras im Moment „in einer Einbahnstraße, in der die Clubs nur geben müssen und die Fans nur nehmen wollen, aber nicht bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu korrigieren und dem Fußball zu dienen“.
Die Fronten sind weiterhin verhärtet, logisch: Ein über Jahre schwelendes Problem kann nicht binnen drei Tagen gelöst werden. Der ausgerufene Kampf gegen Hass und Hetze in den Stadien steht aber trotzdem schon heute vor einer großen Bewährungsprobe, und nicht nur Flick kann sich „schwer vorstellen“, dass die Proteste gegen Kollektivstrafen und damit auch Milliardär Dietmar Hopp aufhören. „Die richtigen Schlüsse ziehen und an einem Strang ziehen“, forderte der Coach von den Verantwortlichen.
Vor dem Anpfiff heute Abend wird es eine klare Anweisung geben. Flick hofft auf ein Spiel über 90 Minuten, und eines, in dem er nicht derart wütend werden muss wie am Samstag. „Nicht so schöne Bilder“ habe er da von sich im Fernsehen gesehen, sagte der 55-Jährige über seinen Auftritt vor der Kurve der Chaoten. Er fügte aber an: „Ich würde es wieder so machen.“