„Nübel muss liefern!“

von Redaktion

Frank Rost über Stahlbäder, Gelsenkirchener Emotionen und das Bayern-Spiel als Wendepunkt

München – Mit jungen Torhütern bei Schalke 04 kennt Frank Rost sich aus. Als Mirko Slomka 2007 Manuel Neuer zur Nummer eins machte, war der heute 46-Jährige der Leidtragende. Vor dem Duell der Gelsenkirchener mit dem FC Bayern bewertet der Ex-Keeper im Interview die Situation von Alexander Nübel – unabhängig davon, ob der Bald-Bayer heute Abend zwischen den Pfosten stehen wird oder nicht.

Herr Rost, Alex Nübel stand weinend in der Kurve. Was denken Sie bei diesen Bildern?

Ich finde es ehrlich gesagt nicht wunderlich, was im Moment passiert. Man weiß, wenn man so einen Schritt geht wie der Alex, was los sein wird. Es ist bei Schalke nicht das erste Mal, dass Spieler ausgepfiffen werden. Das hat sich aber auch immer schnell wieder geregelt. Da muss man halt gute Leistung bringen! Wissen Sie, was für mich gar nicht geht?

Was?

Dass man in diesem Fall Robert Enke ins Spiel bringt, wie von Sportvorstand Jochen Schneider geschehen. Das finde ich pietätlos. Robert hatte eine schwere Krankheit – das kann man nicht vergleichen. Ich habe da überhaupt kein Verständnis. Er hatte eine gute Intention, nämlich seinen Spieler zu schützen – aber das war geschmacklos. In solchen Situationen wird viel über einen Kamm geschert, das nicht zusammenpasst.

Wie bewerten Sie den konkreten Fall Nübel?

Alex hat eine Entscheidung getroffen – und er musste damit rechnen: Wenn er Fehler macht und nicht gut aussieht, dass ein Publikum seinen Unmut äußert. Ob das immer gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber so ist es als Profi. Das Profi-Dasein hat viele Sonnenseiten, es hat aber auch ein paar Schattenseiten. Und die muss man einfach in Kauf nehmen. Wenn alles so einfach wäre, würde doch auch jeder Profi werden.

Ist das Schalker Publikum besonders kritisch?

Nein. Aber im Ruhrgebiet tragen die Menschen ihr Herz auf der Zunge. Man muss daher denjenigen Auge in Auge gegenübertreten. In der Masse verstecken sich viele – das sehen wir auch bei anderen Problemen, die der Fußball leider im Moment hat. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man Leute direkt anspricht – beim HSV haben wir sie sogar in die Kabine eingeladen –, werden die ganz ruhig. Das ist der richtige Weg. Rudi Aussauer sagte einst so schön: Man geht durch die Vordertür rein und durch die Vordertür auch wieder raus.

War es also dann richtig, dass Nübel sich vor die Kurve gestellt hat?

Absolut. Er stellt sich der Sache – selbst wenn Tränen kommen, ist das richtig. Damit kriegt er den Respekt der anderen. Trotzdem muss er als Profi ordentliche Leistung bringen und lernen, mit dem Druck umzugehen. Er ist ein junger Kerl, vielleicht hat er auch gemerkt, dass er seine Karriereplanung anders hätte lösen können. Dass es vielleicht besser gewesen wäre, noch ein Jahr auf Schalke zu bleiben. Er muss jetzt lernen, dass die Situation ist, wie sie ist. Daran wird er als Persönlichkeit und Charakter wachsen. Dann gibt es auch wieder Sonnenseiten.

Aktuell sieht man ihn als Nervenbündel.

Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Er darf keinen Fehler machen. Als ich zu Schalke ging, hat das Bremer Publikum auch gepfiffen, es aber auch schnell bleiben lassen, weil wir gut gespielt haben. So kann man die Leute auch schnell wieder auf seine Seite holen. Er muss das Drumherum ausblenden und sich darauf besinnen, was er kann. Dann sehe ich da kein Problem, dass er eine gute Saison zu Ende spielt.

Gibt es ein Patentrezept?

Ich kann mich an ein Spiel gegen Freiburg erinnern, wo ich keinen glücklichen Tag hatte. Ich wurde in Bremen auf dem Weg zum Bus bepöbelt. Ich habe mich dann gestellt, das Gespräch gesucht, Auge in Auge. Manche sind unbelehrbar, der Großteil aber wird ruhiger und zeigt auch teilweise Verständnis. Die sagen halt jetzt: Der geht zu Bayern und dann spielt er noch schlecht. Die Leute sind enttäuscht.

Kann Schalke ihm helfen?

Nein. Das muss der Spieler mit sich selber machen. Für mich war damals Dieter Burdenski als Torwarttrainer sehr wichtig. Aber solange du selber alle Chips in der Hand hast, kannst du es auch selber beeinflussen. Das kann der Alex auch! Er hatte in einer relativ kurzen Zeit schon Hochs – und jetzt hat er halt mal ein Tief. Das ist das Leben! Ich weigere mich deshalb, junge Leute zu schnell zu hochleben zu lassen. Nach drei guten Spielen ist man heute der Superstar, genauso aber auch der Buhmann, wenn du mal ein schlechtes hast. Für mich gilt: Ein Bundesliga-Spieler ist jeder, der mindestens 50 Spiele gemacht hat.

Nun steht das Spiel gegen den neuen Arbeitgeber an – und gegen Widersacher Manuel Neuer, der den Schritt nicht versteht.

Ich verstehe den Transfer aus Sicht von Bayern München total – aber aus der Sicht von Alex? Manuel wird spielen, solange er bei Bayern unter Vertrag steht. Es gibt absolut keinen Grund, ihn rauszunehmen. Und irgendwelche Einsatzgarantien oder Klauseln gibt es sowieso nicht. Da lässt sich kein Verein und auch kein Trainer reinquatschen. Ich hätte vielleicht noch ein Jahr auf Schalke gespielt. Aber er hat sich so entschieden. Punkt.

Was wird das in München? Ein Duell mit Neuer? Oder Lernen auf hohem Niveau?

Der einzige Pluspunkt ist, dass man nicht genau weiß, was mit Manuel im Sommer passiert. Ich kann nur spekulieren, aber: Warum sollte der jetzt nicht auch an andere Vereine denken, vielleicht nach England gehen? Bayern hat jetzt zumindest eine Alternative in der Hinterhand, von der man sich viel verspricht. Das wäre schade – aber so ist heutzutage das Fußballgeschäft.

Ist Nübel zu forsch aufgetreten, als der Wechsel bekannt wurde?

Eher sein Berater, der viel für ihn gesprochen hat. Das halte ich übrigens für den vollkommen falschen Weg. Sowieso geht es aber nicht um Worte, sondern um Taten auf dem Platz. Jetzt muss er erst mal durch die letzten Spiele auf Schalke durchkommen, die ja doch ein Stahlbad sind.

Braucht ein junger Kerl nicht einfach Spielpraxis?

Das stimmt, aber ob da jetzt ein Leihgeschäft oder Ähnliches angedacht ist – das sind alles ungelegte Eier. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Alex bei seiner Entscheidung an alle Konsequenzen gedacht hat. Bleibt er Nummer zwei bei Bayern, geht ihm die Spielpraxis ab. Dabei wäre es wichtig, auch auf Top-Niveau und international immer wieder den Erwartungshaltungen standzuhalten. Bei Bayern sind diese noch höher als bei Schalke.

Nummer zwei sein ist selbst für erfahrene Keeper nicht immer leicht.

Wenn er nicht spielt, kann es schwer werden für ihn. Da kommst du dann rein, machst einen Patzer und wirst schnell infrage gestellt. Sven Ulreich hat das immer gut gemacht, aber an ihn hatte man auch eine andere Erwartungshaltung. Er kam als klare Nummer zwei, nicht wie Nübel als Shooting-Sternchen. Der muss liefern! Und wenn man dann die Spielpraxis nicht hat, muss man das Quäntchen Glück haben. Sonst werden bei so einem Topclub auch schnell neue Spieler geholt.

Können Sie den jungen Neuer mit dem jungen Nübel vergleichen?

Manuel hat auch Fehler gemacht, wie Alex. Aber er hatte einen Vorteil: Er kommt aus Gelsenkirchen, da wurde vieles verziehen. Ich erinnere mich: Nach meinem Abgang habe ich mit dem HSV auf Schalke gespielt, da ist Manuel an einem Ball vorbei gerannt und wir haben gewonnen. Da ging ein Raunen durch das Stadion – aber das war’s. Den Bonus hat Alex aber nicht. Deshalb muss er sich darauf besinnen, was er kann.

Was ist das konkret?

Er ist manchmal etwas ungestüm, aber darum geht es nicht. Für ihn geht es jetzt vor allem darum, Fehler zu vermeiden. Er muss dem Team Rückhalt geben und die Dinge machen, die machbar sind. Aktuell sollte er kein Risiko gehen, sondern auf das Wesentliche zurückkommen.

Hat er ähnliches Potenzial wie Neuer?

Manuel war schon immer sehr schnell, konnte besonders gut kicken. Das ist schon etwas Besonderes. Aber auch Alex hat das Potenzial, ein Großer zu werden. Er muss da nur jetzt erst mal durch. Jeder wird im Laufe seiner Karriere auf den Boden der Tatsachen geholt – niemand kann über Wasser laufen. Selbst Oliver Kahn konnte das nicht, obwohl er die Torhüterposition jahrzehntelang geprägt hat.

Eine gute Leistung gegen Bayern – und alles wäre vergessen?

Das ist ein Spiel, in dem man viel wieder drehen kann. Schalke im Allgemeinen, aber auch Alex persönlich –wenn er denn spielt. Das war ja noch nicht sicher.

Interview: Hanna Raif

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