Eigentlich strebt Julian Nagelsmann immer nach maximalem Erfolg. Dieser Ehrgeiz hat ihn zum jüngsten Bundesliga-Coach aller Zeiten gemacht und zu seinem Trainer-Versprechen für die nächsten Jahrzehnte.
Der 32-Jährige ist jedoch auch Realist. Wer ihm nach dem 0:0 am Samstag gegen den VfL Wolfsburg zuhörte, merkte schnell: Hier verabschiedet sich jemand aus dem Meisterrennen. „Wir müssen unter die ersten Vier kommen. Von Platz eins brauchen wir nicht zu sprechen“, sagte ein enttäuschter RB-Trainer. Noch vor wenigen Wochen klang das anders. Da versuchte Nagelsmann nach der Niederlage in Frankfurt mit Motivations-Kritik, die letzten Prozentpunkte aus seinem Team herauszukitzeln. „Wir sind kurz vor dem Gipfel. Jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir ans Gipfelkreuz wollen – oder ob wir hier bleiben, was essen, was trinken und wieder runterlaufen“, so Nagelsmann damals.
Nun muss er feststellen – da ist nichts mehr herauszukitzeln. Fußballerisch hat RB das Potenzial, dem FC Bayern bis zum Schluss die Stirn zu bieten. Es fehlen aber (noch) Führungsbullen, die der Elf auf dem Platz Stabilität in kritischen Phasen verleihen. In Emil Forsberg steht zwar ein solcher Typ im Kader, allerdings stimmt die Chemie zwischen dem Schweden und seinem Trainer nicht. Der Konkurrent aus Dortmund hat in Emre Can genau so einen Typ verpflichtet, der seinen Führungsanspruch mit sportlicher Leistung unterfüttert. Wenn RB im Sommer die Dosen-Millionen klug in einen solchen Typen investiert, könnte die Mannschaft in der Saison 20/21 dann für den Gipfelsturm nach 34 Spieltagen bereit sein.
Noch eher als die Ostdeutschen scheint Bayer Leverkusen in den Titelkampf eingreifen zu können. Die Werkself präsentiert sich seit Wochen im Offensiv-Rausch. Der Fokus wird in den nächsten Wochen auf dem Duell FC Bayern versus BVB liegen. Reiben sich die Branchenriesen aneinander auf, könnte Bayer der lachende Dritte sein.
Eine Rolle, für die Julian Nagelsmann noch ein wenig Geduld haben muss.
Daniel.Mueksch@ovb.net