„Mit Fußball hat das nichts zu tun“

von Redaktion

Klaus Augenthaler hat Geisterspiel-Erfahrung als Trainer – wobei er sagt: „Ich hätte gerne darauf verzichtet“

München – Das erste Geisterspiel der Champions-League-Geschichte fand 2004 mit deutscher Beteiligung statt. 1:1 endete die Partie zwischen AS Rom und Bayer Leverkusen in der Gruppenphase, die wegen Verfehlungen der Römer Fans ohne Zuschauer ausgetragen wurde. An der Seitenlinie stand Klaus Augenthaler (62) – der sich im Interview erinnert.

Herr Augenthaler, der 3. November 2004 in Rom: Erzählen Sie!

Das hatte zwei Seiten. Auf der einen Seite hatten wir als Auswärtsmannschaft das Glück, dass wir nicht gegen die heiße Stimmung im Römer Stadion spielen mussten, das war von Vorteil. Aber auf der anderen Seite: Fußballspieler sind wie Gladiatoren. Die gehen in die Arena und wollen vor 70 000 spielen. Das fiel leider aus.

War die Stimmung beklemmend?

Absolut. Da waren vielleicht 500 Leute, Journalisten, Polizisten, Security. Das war eigenartig. Für mich, für die Spieler, für alle. Eine Erfahrung, auf die man am liebsten verzichtet hätte – das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Immerhin: Wir haben unentschieden gespielt. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn das Stadion voll gewesen wäre. Auch wenn das positiv für uns war: Das hatte mit Fußball nichts zu tun. Ich bin Fußballer, um Fans zu begeistern. Und nicht die Journalisten und die Polizei.

Musste man die Spieler anheizen – war es also eine große Traineraufgabe?

Wenn man normalerweise in Rom spielt, weiß man, was auf einen zukommt. Da muss man nicht großartig auf die Spieler eingehen, die sind so schon motiviert genug. Aber wenn keine Stimmung da ist, fühlt sich das an wie ein Trainingsspiel. Meine Spieler waren trotzdem motiviert, weil wir als Außenseiter in der starken Gruppe angetreten sind. Und sie wussten, dass sie die Chance, die sich ohne Zuschauer bietet, nutzen müssen. Wir wurden Gruppenerster.

Sind Geisterspiele also ein Vorteil für die Auswärtsmannschaft?

Ich denke schon. Aus Leverkusen wären sonst vielleicht 1500 Fans mitgekommen. Aber so haben wir nicht gegen 65 000 Italiener gespielt, sondern nur gegen die elf, die auf dem Platz standen.

Man hat jedes Wort im Stadion gehört, oder?

Das kam ja noch dazu. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch die Kommandos von mir. Da musste auch ich mich dran gewöhnen.

Mussten Sie sich in Ihrer Wortwahl zügeln?

Man musste schon mal überlegen, auch wenn man mal mit einer Schiedsrichter-Entscheidung nicht einverstanden war. Für die Journalisten sind solche Spiele sehr interessant (lacht). Aber ich sage mal so: Auch wenn ich es aus meiner aktiven Zeit nicht kannte – da waren manchmal 3000 Zuschauer beim Training –, es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren nicht-öffentliche Trainings eingeführt wurden. Nicht alles, was man sagt, muss gehört werden.

Kann man sich an Geisterspiele gewöhnen?

Nein, auf keinen Fall. Das ist und bleibt etwas, was niemand will. Gerade in der Champions League wird das jetzt spannend. Bayern gegen Chelsea ohne Zuschauer? Das ist unverstellbar. Aber leider traurige Gewissheit.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage?

Das Problem ist, dass doch niemand sagen kann: Was ist richtig? Was ist falsch? Letztes Wochenende spielt die zweite Mannschaft von Bayern und es heißt: nicht mehr als 1500 Zuschauer. Einen Tag später sind in der Allianz Arena fünf Kilometer weiter 75 000 Zuschauer. Keiner hat einen richtigen Plan, keine einheitliche Linie, die man eigentlich zwingend bräuchte. Jetzt hat Markus Söder mal ein Machtwort gesprochen – das war gut! Aber dann gibt es andere Bundesländer, die es wieder anders machen.

Auch Sie werden unfreiwillig zum TV-Zuschauer.

Leider ja. Ins Stadion werde ich gegen Chelsea nicht gehen können. Also kein zweites Geisterspiel für mich.

Interview: Hanna Raif

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