Donaustauf – Von Ruhestand keine Spur. Eine Patientin fragt nach der Kabine für ihre Lymph-Dränage, ein anderer nach dem Stockwerk zur Laufanalyse und ein angehender Physiotherapeut nach dem Kursraum für sein nächstes Seminar. Mit ein bisschen Glück laufen die Suchenden Klaus Eder in die Arme. Der Herr des Hauses in der „Eden Reha“ übernimmt in dem Fall höchstpersönlich den kostenlosen Begleitservice zum Ziel. Mit 67 Jahren ist Eder weit vom Rentner-Dasein entfernt.
„Willkommen im Unruhestand“ – beschreibt der Gastgeber seine aktuelle Lebensphase. Auch das Gerüst an seiner Reha-Klinik zeugt mehr vom Aufbruch in die Zukunft anstatt vom Verwalten der Vergangenheit. Wobei er sich auf seinem Namen durchaus ausruhen könnte. Der Begriff „Legende“ wird in unserer nach Superlativ-gierenden Zeit beliebig gebraucht – auf Klaus Eder trifft er allerdings zu. Kein Physiotherapeut hat den deutschen Sport so geprägt wie der Niederbayer. 1984 erlebt er seine ersten Olympischen Spiele, damals in Los Angeles.Zehn Olympische Spiele folgen. 1988 übernimmt er die Physiotherapie bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bei seiner ersten WM zwei Jahre später feiert er mit Franz Beckenbauer und Co. in Rom den Titel. Insgesamt acht Europa – und sieben Weltmeisterschaften schmücken seine Vita. „Die multikulturelle Atmosphäre bei Olympischen Spielen ist einmalig“, schwärmt er vom Olympischen Geist und beschreibt den Unterschied zu König Fußball: „Bei großen Turnieren ist man in Fünfsterne-Hotels kaserniert, wie abgeschnitten vom Rest der Welt. Daher ist für die Nationalmannschaft der Teamgeist auch so entscheidend für den Erfolg.“
Eigentlich hätte Eder den Profi-Sport gerne von der aktiven Seite erlebt. „Als Jugendlicher habe ich viel Eishockey gespielt, wie die meisten aus der Region. Ich war schon talentiert“, erinnert sich der begeisterte Skifahrer an seine sportlichen Ambitionen, „vielleicht war ich nicht gut genug zum Profi. Aber ichkonnte es auch nicht richtig probieren: Mit 15 riss mir das Kreuzband, da war die Karriere angeknackst“, so Eder. Aus der Not macht er eine Tugend und beschließt, als Physiotherapeut dem Leistungssport treu zu bleiben. Die Voraussetzungen dafür sind exzellent. Seine Eltern führen eine gut gehende Praxis in Donaustauf. Einige Profis sind bereits dort in Behandlung. Eder fängt 1979 beim Deutschen Skiverband an, wenig später verpflichten ihn die deutschen Fechter rund um den heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach.
Eine Begegnung, die sein Leben entscheiden prägt, hat er 1988 auf einem Kongress in München. Dort hält Eder einen Vortrag. Als er von der Bühne geht, spricht ihn Dr. Müller-Wohlfarth an. Beide verstehen sich sofort. Müller-Wohlfarth öffnet ihm die Türen beim FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft. Sie liegen so gut auf einer Wellenlänge, dass sie eine Gemeinschaftspraxis im Münchner Nobelvorort Grünwald aufmachen wollen. Das Vorhaben scheitert nur an Formalien der Gemeinde. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt er dann doch die Familien-Praxis – auch als Hommage an die Eltern. „Ich habe lange überlegt, ob es in Donaustauf Sinn macht. Aber Franz Beckenbauer hat mir geraten: Du kannst in der Sahara eine Praxis aufmachen, die geht auch.“
Das Risiko wird belohnt: Athleten aus aller Welt reisen seit vier Jahrzehnten in die Marktgemeinde mit knapp 4000 Einwohnern. Die Angst vor dem provinziellen Makel entpuppt sich in vielen Fällen als Pluspunkt: „Viele Sportler nutzen unsere Diaspora als Chance abzuschalten – mit Abstand vom Verein und nicht unter dem medialen Brennglas“, sagt das Aufsichtsratsmitglied von Jahn Regensburg.
Eder erlebt über die Jahre wie sich das Anforderungsprofil an die Sportarten und Profis verändert. „Man muss sich nur überlegen: 1963 lief ein Rudi Brunnenmeier als Stürmer von 1860 München 1000 Meter in 90 Minuten. Vierzig Jahr später ein Miroslav Klose 15.000 Meter – das ist eine andere Welt. 1990 zur WM habe ich sieben Stangen Zigaretten eingepackt, war selbst noch Raucher. 14 Tage später war keine mehr übrig, weil ein Großteil der Spiel ebenfalls geraucht hat. Heute undenkbar.“ Eder ist jedoch kein nostalgischer Schönmaler der guten alten Zeit: „Was den sozialen Umgang betrifft, ist die aktuelle Fußballer-Generation sehr gut erzogen. Heute hört man ein „Bitte“ und „Danke“ Das war vor 30 Jahren nicht immer so“, sagt er.
Den Schlüssel für seinen Erfolg sieht er im „Team Eder“: „Wir haben seit Jahrzehnten kaum Fluktuation. Meine Leute haben neben einer manualtherapeutischen auch eine osteopathische Ausbildung. Zwei Sportwissenschaftler arbeiten bei uns.Wir können den Athleten ein Gesamtpaket anbieten.“ Physios aus dem Hause Eder arbeiten heute in allen Sportarten der Republik. So wurde Peter Fischer aus der „Eden Reha“ zum Beispiel sein direkter Nachfolger beim DFB.
Aber auch in Donaustauf scheint nicht immer die Sonne. Düstere Wolken ziehen über der Lessingstraße 39-41, als ein nächtlicher Ausflug vom damaligen Bayern-Star Mario Basler 1999 plötzlich den Boulevard bestimmt: Basler feiert mit Ersatztorwart Sven Scheuer seine überstandene Reha bei Klaus Eder und gerät vor der „Trattoria da Fernando“ in der Regensburger Spiegelgasse mit einem anderen Gast aneinander. Die Polizei rückt an. Der Fall landet auf Titelseiten.
Ein willkommener Anlass für den FC Bayern, sich vom „Enfant Terrible“ Basler zu trennen, obwohl der Vorfall mehr zur Bagatelle als zum Skandal taugt. Dennoch liest ganz Deutschland von Donaustauf. Was lustig klingt, wird für Eder zur existenziellen Bedrohung: „Plötzlich hieß es: Donau-Sauf. Wir wurden als Party-Reha dargestellt“, so Eder über die Folgen der „Pizzeria-Affäre“.
„Krankenkassen haben Buchungen storniert. Unsere Betten drohten, leer zu bleiben. Ich musste erst einmal nach Berlin und Klinken putzen, um unsere Seriosität zu garantieren“, sagt er über diese Zeit. Ihm gelingt die Wiederherstellung des guten Rufs. Er kehrt mit den wieder gewonnenen Buchungen der Krankenkassen im Gepäck zurück. Heute kann er über die Tage wieder lachen, „damals hatte ich aber einige schlaflose Nächte.“
Ein Millionen Publikum kennt Eder von seinen Sprints mit Dr. Müller-Wohlfarth quer über den Platz. Immer wenn sich deutsche Nationalspieler mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Rasen rollen, ist er zu Stelle. Scheinbar genügen ein paar Handgriffe und aus dem Sterbenden wird binnen Sekunden wieder ein voll einsatzfähiger Spitzensportler. Mit Hokuspokus hat das nichts zu tun, wie Eder erklärt: „Eine Kontinuumsstörung zum Beispiel, also eine Störung im Übergang von Band und Knochenhaut, können wir am Platz reparieren. Genau wie ein Falltrauma. Beides schmerzhaft, aber sofort zu beheben“, spricht Eder Fußballer in einigen Fällen von übertriebener Theatralik frei.
Heiß diskutiert wird bis heute sein heikelster Platzsprint: Im WM-Finale 2014 bricht Christoph Kramer nach einem Schulter-Check von Argentiniens Garay in der 17. Minute zusammen. „Als wir bei Christoph angekommen sind, hatte er keine Bewusstseinseinschränkungen. Er wusste seinen Namen, gegen wen wir spielen, wo wir spielen. Daher haben wir ihn weiterspielen lassen“, ruft Eder sich die dramatischen Minuten von Rio ins Gedächtnis.
Bis heute ärgert es ihn, wenn Kollegen meinen, der Gladbacher hätte sofort ausgewechselt werden müssen: „Christoph hatte keine Gehirnerschütterung, sondern eine Erschütterung des Gleichgewichtsorgan. Das haben Müller-Wohlfarth und ich getestet und kann man auf Videos sehen. Ausgewechselt haben wir ihn später wegen seiner anhaltenden Gleichgewichtsstörungen. Nicht wegen einer schweren Gehirnerschütterung. “ Aus Rio kehrt er nicht nur mit dem zweiten WM-Titel zurück, sondern auch als Nichtraucher. Am Morgen nach Party und vor dem Abflug nach Deutschland raucht Eder seine letzte Zigarette. „Ich habe meinem Arzt versprochen: Wenn wir Weltmeister werden, höre ich auf.“ Bis heute hat er dieses Versprechen gehalten.
So trifft man in Donaustauf, einen Steinwurf von der Gedenkstätte Walhalla entfernt, nicht nur eine echte Legende des deutschen Sports, sondern mit Sicherheit noch einige Jahre einen Nichtraucher im Unruhestand.