Der einst sehr, später dann weniger erfolgreiche Fußballtrainer Domenico Tedesco soll mal beim Abschlusstraining vor einem Champions- League-Spiel in Istanbul über die Platzlautsprecher Original-Tonaufnahmen aus dem Stadion von Galatasaray eingespielt haben, um seinen FC Schalke auf diese einzigartige Geräuschkulisse vorzubereiten. Schließlich sind gerade türkische Fans dafür bekannt, mit ohrenbetäubendem Lärm ihr Team nach vorne zu peitschen und den Gegner gnadenlos auszupfeifen. Heimvorteil nennt man das, das Publikum wird, wie es so schön heißt, zum „zwölften Mann“ für die Heimelf.
Es gibt mehrere Studien, auch ziemlich ernsthafte, die sich mit der Wirkung des Heimvorteils auseinandersetzen. Da heißt es zum Beispiel, intensive akustische Unterstützung könne die Einsatzbereitschaft der Spieler um bis zu sieben Prozent erhöhen. Das kann spielentscheidend sein, da das Niveau in der Bundesliga, unterhalb des FC Bayern natürlich, relativ ausgeglichen ist. In Zeiten wie diesen, da das Corona-Virus diesen Vorteil klaut, wäre es also zu überlegen, ob man, wenn schon unbedingt gespielt werden muss, nicht Tedescos Trick übernehmen und den Spielern akustisch ein volles Stadion vorgaukeln sollte.
Das allererste „Geisterspiel“ in der Bundesliga-Geschichte letzten Mittwoch war nämlich so ohne Fans schon ziemlich öde, mit Fußball, fand sogar der Schiedsrichter, habe das nichts zu tun gehabt. Da sei es selbst für ihn schwierig gewesen, sich permanent zu konzentrieren. Und dann erst für die Spieler, wie ernüchternd muss es sein, nach einem herrlichen Treffer nur ein langgezogenes Jaaaaaa von der Trainerbank zu hören, ein paar Jubelschreie der Mitspieler und dezente Flüche des Gegners. Zumindest bei einem Tor ließe sich doch ein bisschen Stimmung einspielen, selbst wenn sie aus der Konserve stammt. In Düsseldorf hat man ernsthaft darüber nachgedacht.
Wir werden uns aber, glaubt man den Studien, selbst dann damit abfinden müssen, dass die Leistungen dramatisch absacken. Visuelle Motivation, etwa beim Blick auf fröhliche Gesichter und ein Fahnenmeer, fördert, so heißt es, einen Leistungsschub von bis zu acht Prozent. Also müssen wir, wenn wir nun die Bundesliga zwangsweise am Bildschirm verfolgen, andere Maßstäbe anlegen.
Viel schlimmer noch als die Spieler aber sind ohnehin wir dran, wir Fans, die nun, ohne sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, ausgesperrt und unseres Wochenend-Highlights beraubt werden. Was tun ohne das Stadionerlebnis, ohne das Treffen mit Gleichgesinnten, ohne diese prickelnde Atmosphäre, ohne die Möglichkeit, den DFB zu attackieren und den Kommerz zu geißeln?
Nun hätte es ja fast, Corona zum Trotz, für alle Ausgesperrten weiter eine Möglichkeit gegeben, Fußball live zu erleben. Unterhalb der Profiligen sollte ja, bis gestern die Notbremse gezogen wurde, noch gespielt werden, natürlich ein etwas anderes Spiel mit anderen Voraussetzungen. Kaum ein Stau bei An- und Abfahrt, ein viel direkterer, fast persönlicher Kontakt zu den Akteuren. Selbst eine mehr oder weniger freundliche Unterhaltung mit Spielern und Schiedsrichtern wäre während des Spiels möglich gewesen. Man hätte den Fußball mal wieder so erleben können wie er mal war, natürlich, bodenständig, frei von Kommerz.
Es hätte aber auch ein Problem gegeben: Wenn nun zum Beispiel die von Spiel-Absagen in Liga drei gefrusteten Löwen-Fans geschlossen nach Heimstetten oder Oberweikertshofen gekommen wären, wäre dort die Zuschauerzahl schnell über 1000 gestiegen. Und schon hätte ohnehin das Corona-bedingte Versammlungsverbot gegriffen. War also eine kluge Entscheidung, mal den Ball generell ruhen zu lassen. Es gibt nun Wichtigeres.
Mehrere Studien thematisieren die Wirkung des Heimvorteils. Ohne die Fans im Stadion wirkt der Fußball öde.