Totale Blamage statt Saisonstart

von Redaktion

Chaos um Absage des Formel-1-Auftakts – die Königsklasse wird wohl erst im Juni loslegen

VON RALF BACH

Melbourne – Das Corona hat dem Zentrum von High-Tech, Innovation und scheinbar bis ins kleinste Detail möglicher Planbarkeit, der Formel 1, den Spiegel vorgehalten: In Australien präsentierten sich nahezu alle Verantwortlichen der automobilen Königsklasse wie Pfadfinder aus einer Großstadt, deren kleine Zelte trotz aller Berechnungen zuvor beim ersten Campingausflug vom Wind einfach weggeblasen wurden. Sie glänzten mit Missmanagement in großem Stil.

Die Formel 1 stürzte in Melbourne, wo am Wochenende eigentlich der Saison-Auftakt steigen sollte, in ein Absage-Hin-und-Her, das schließlich in einer Farce endete. Erst am Freitagmorgen wurde der Saisonstart abgesagt, als die Fans schon an den Toren warteten. Um neun Uhr Ortszeit verkündete der Veranstalter (Australian Grand Prix Corporation) nach langem Schweigen, dass die Formel 1 nicht im Albert Park fahren werde.

Fest steht: Die Chronologie der Ereignisse ist ein Zeugnis für Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Nachdem McLaren sich freiwillig vom Rennen verabschiedet hatte, weil eines ihrer Teammitglieder positiv auf Covid-19 getestet worden war, diskutierten die Teams, die Formel-1-Macher von Liberty Media und der Veranstalter stundenlang, ob das Rennen nun gefahren werden solle oder nicht. Während die Einigung noch ausstand, befanden sich Fahrer wie Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen schon auf dem Flug zurück nach Europa.

Ex-Formel-1-Chef Bernie Ecclestone glaubt den Grund zu kennen, warum es so lange dauerte, bis der Grand Prix abgesagt wurde. Der 89-jährige Brite vermutet Angst vor rechtlichen Schritten, die auf den Verantwortlichen einer Rennabsage zukommen können. Ecclestone: „Es kommt immer darauf an, wer am Ende offiziell absagt. Wer es auch immer ist, er muss die Verantwortung – auch die finanzielle – übernehmen. Das wollte anscheinend niemand tun.“

Dazu passt auch: Der ehrwürdige Automobilclub von Monaco, der als der Mount Everest von Geschäftssinn und Geldgier gilt, schickte bereits kurz nach der Absage von Melbourne ein Statement heraus. Zusammengefasst heißt es: Unser Rennen Ende Mai wird von unserer Seite aus stattfinden. Soll heißen: Wenn nicht, ist das nicht unser Problem.

Die nächsten Rennen in Bahrain (ursprünglich geplant für den kommenden Sonntag) und Vietnam (5. April) wurden ebenfalls bereits verschoben. Mit den folgenden Großen Preisen in Zandvoort, Barcelona und schließlich Monaco rechnet wegen der nicht berechenbaren Viruslage auch niemand mehr. „Ich gehe erst vom Saisonauftakt in Baku Anfang Juni aus,“ sagt Red-Bull-Chefberater Helmut Marko. Auch weil die Teams aus Sicherheitsgründen bis 29. März ihre Fabriken schließen. Erst Anfang April gehen sie wieder in den normalen Arbeitsmodus über.

Marko ist nach dem Entscheidungschaos von Melbourne desillusioniert und wütend zugleich: „Die Verantwortlichen legten ein Zeugnis von totalem Missmanagement ab. Es ist einfach nur unglaublich“, sagte er.

Die Erklärungsversuche der Verantwortlichen geben Marko eher Recht. Sportchef Ross Brawn versuchte das Chaos mit einem Kommunikationsproblem der Verantwortlichen zu erklären. Seine Worte bestätigten aber eher ein Entscheidungsvakuum: „Wir mussten mit FIA-Präsident Jean Todt sprechen, der sich aber in der europäischen Zeitzone befand. Chase Carey (der Liberty-Chef, Anm. der Red.) wiederum war gerade in der Luft auf der Reise nach Vietnam.“

Carey sah es dann am Freitag als eine seiner Pflichten an, seinem Superstar Lewis Hamilton zu widersprechen. Der Brite hatte schon am Donnerstag harte Worte für die F1-Macher gefunden: „Wir sollten gar nicht hier sein. Aber Geld regiert die Welt.“ Careys Rechtfertigung war dünn: „Wenn Geld wirklich die Welt regieren würde, dann hätten wir diese Entscheidung nicht getroffen.“

Es gab nur einen Gewinner in Melbourne. McLaren-Teamchef Andreas Seidl. Der Niederbayer, der mit seiner Frau und beiden Töchtern in Pfaffenhofen wohnt, zog sofort sein Team zurück, als es den ersten positiven Coronatest bei seiner McLaren-Mannschaft gab. Mehr noch: Obwohl er nicht im direkten Kontakt mit dem infizierten Angestellten war, schloss er sich den 14 Teammitgliedern an und ging mit ihnen in das Hotel in Melbourne, in dem sie eine 14tägige Quarantäne absitzen müssen. Von dort ließ er ausrichten: „Mir geht es gut. Ich konnte meine Leute nicht alleine hier lassen, deshalb bleibe ich vorerst hier. Für mich gab es deshalb auch keine Wahl. Ich musste das Team zurückziehen, denn die Gesundheit meiner Männer und Frauen steht über allem.“  Fest steht: Gäbe es 25 WM-Punkte für Moral und Mut, McLaren hätte sie in Melbourne bekommen.

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