München – Er ist die große Münchner Gold-Hoffnung für die Olympischen Spiele in Tokio – sofern das größte Sportereignis der Welt wie geplant stattfindet. Momentan hat Olympisches Edelmetall im Kopf von Oliver Zeidler allerdings nur in der entlegensten Ecke Platz.
Zeidler muss dieselben Probleme bewältigen wie Millionen andere Deutsche. Seit diesem Montag arbeitet der Ruder-Weltmeister im Homeoffice. Beim internationalen Beratungsriesen „Deloitte“ koordiniert er die Besteuerung von internationalen Mitarbeiterentsendungen – und seit Beginn der Woche eben von zu Hause aus. In der Wohnung von Freundin Helen in München. Hamsterkäufe hat er noch keine getätigt. „Vielleicht muss man auch nicht jede Corona-Meldung lesen. Die Situation ist schon ernst genug. Da braucht es keine weitere Eskalation durch Medien oder soziale Netzwerke.“
Komplizierter gestaltet sich die Olympia-Vorbereitung des Einer-Weltmeisters von 2019. „Die letzten Tage bin ich von Schwimmbad zu Schwimmbad gefahren. In der Hoffnung, dass irgendeines noch auf hat“, erzählt der 23-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Zuletzt hat er im Becken eines Fitnessstudios trainiert. Aber auch das hat inzwischen zu. Der Olympiastützpunkt und die Regattastrecken in Oberschleißheim inklusive dem Gebäude haben ebenfalls erst einmal dicht gemacht.
Hier hätte Zeidler gerne unter optimalen Bedingungen an der Medaillen-Form gefeilt. Zudem sind alle drei Weltcups vor Tokio abgesagt. Dadurch muss er auf jegliche Vorbereitung unter Wettkampfbedingungen verzichten. Die EM Anfang Juni in Polen steht zwar offiziell noch in seinem Kalender, Zeidler und seine Kollegen gehen jedoch davon aus, dass auch dieser Wettbewerb dem Virus zum Opfer fällt. „Das ist schade, da ich in den letzten Weltcups noch etwas ausprobieren wollte. Wettkämpfe sind dann halt doch noch etwas anderes, als immer nur alleine zu trainieren“, sagt Zeidler.
Gemeinsam mit anderen Athleten wollte der gebürtige Dachauer private Rennen auf einigen Regattastrecken in Europa organisieren. Allerdings ist das durch die immer weiter eingeschränkten Reisemöglichkeiten nun schlicht undenkbar.
Dennoch bleibt der Ex-Schwimmer äußerlich entspannt. „Ich kann an der Situation sowieso nichts ändern. Mein Stand ist: Die Olympischen Spiele finden statt. Daher habe ich auch noch keine Motivationsprobleme. Sondern ein Ziel auf das ich hinarbeiten kann“. Nun eben nur auf dem heimischen Ergometer im Keller. An seinen Umfängen hält er wie geplant fest. „Momentan trainiere circa vier Stunden am Tag, um die 28 Stunden in der Woche“, beschreibt er seinen Athleten-Alltag in Corona-Zeiten.
Glücklicherweise kann er die einzelnen Trainingsblöcke einigermaßen verschieben, je nachdem, was organisatorisch möglich ist. Seine Position im Einer sieht er mit Blick auf die Sommerspiele durchaus als Vorteil: „Wenn die Beschränkungen wieder gelockert werden, kann ich wahrscheinlich als einer der Ersten wieder normal trainieren. Ich sitze allein in meinem Boot und habe zu allen ausreichend Abstand. Für die Kollegen im Zweier, Vierer oder gar Achter ist das natürlich etwas komplett anderes.“
Im Gespräch wirkt Zeidler aufgeräumt und pragmatisch. Das muss er wahrscheinlich auch sein. Wie kann man sonst den Spagat zwischen sportlicher Weltklasse und Berufsleben meistern? Bereits ohne Corona. Doch gelegentlich lässt Zeidler einen Blick in seine Athleten-Seele zu: „Es sind schon komische Zeiten. Manchmal habe ich das Gefühl, alles geht den Bach runter. Jeden Tag wird es schwerer. Von der Fitness mache ich mir keine Sorgen. Für das Gefühl im Kopf ist diese Situation allerdings Gift.“ Die Olympischen Ruderwettkämpfe sollen gleich am Anfang der Spiele über die Bühne gehen – vom 24. Juli bis zum 31. Juli. Noch lautet Zeidlers Plan, knapp zwei Wochen vor Beginn der Spiele nach Japan zu reisen, um sich ausreichend zu akklimatisieren. Aber auch, um die Olympische Erfahrung bei seinen ersten Spielen voll aufsaugen zu können. Bei der Eröffnungsfeier will er auf jeden Fall mit dem Tross der deutschen Mannschaft ins Olympiastadion einlaufen.
Dafür lohnt sich auch die Quälerei unter erschwerten Bedingungen. Selbst auf dem Ergometer im heimischen Keller.