München – Er ist die unbestrittene Nummer eins der deutschen Skispringer – bis kurz vor Saisonende hatte Karl Geiger sogar alle Chancen auf den Gewinn des Gesamt-Weltcups. Im Interview spricht der Oberstdorfer über seine bis dato beste Saison und ihr abruptes Ende.
Herr Geiger, Ihre starke Saison hat sich ja mit alleine fast 180 000 Euro Preisgeldern auch ausgezahlt. Jetzt sind Sie zurück in einem Land, in dem Sie nicht mal Toilettenpapier dafür kaufen können.
Ach, hier in Oberstdorf sind die Regale eigentlich noch ganz gut gefüllt. Ein paar Sachen werden knapper, das stimmt schon. Aber es ist nicht so, dass ich etwas nicht bekommen hätte. Auch Toilettenpapier (lacht).
Wenigstens ein Vorteil des frühen Saisonendes?
Ja, das war schon komisch. Man hat uns ja gesagt, dass es auch bei der Skiflug-WM in Planica keine Zuschauer geben wird. Aber wir sind immer davon ausgegangen, dass es schon stattfinden wird. Selbst am letzten Tag in Norwegen haben wir uns noch normal aufgewärmt, da hat es plötzlich geheißen, dass die norwegische Regierung zusammensitzt um über die Situation zu beraten. Wir haben erstmal weitergemacht, bis man uns gesagt hat: Es ist alles abgesagt und ihr müsst sofort heim, auch weil es sein kann. Wir haben dann noch ein Saison-Abschluss-Bier an der Bar getrunken, auf den Sieg im Nationencup angestoßen und dann haben wir zusammengepackt.
Ein teurer Abschluss für die Saison ihres Lebens…
Ein Schnäppchen war das nicht. Aber dadurch, dass wir voll im Wettkampfmodus waren, ist uns dieses eine Bier schon in den Kopf gestiegen, Aber das war schon komisch. Ich habe dann noch gefragt, ob es noch eine Siegerehrung gibt. Da hieß es: Gibt keine Möglichkeit, das wird dir mit der Post zugeschickt. Das ist schon extrem schade.
Dafür haben sie ein paar Tage mehr frei.
Ehrlich gesagt, habe ich schon wieder mein Einstandsprogramm gemacht. Darauf haben wir uns geeinigt. Wir gewinnen zwei Wochen, die nutzen wir zu einem Kraftblock. Danach gibt es dann Urlaub.
Womit die Saison ihres Lebens schon abgehakt ist. Sie haben bis zuletzt Stefan Kraft in einen Zweikampf um den Gesamt-Weltcup getrieben. Haben Sie eine Erklärung für diese Entwicklung?
Ich habe im letzten Sommer lange darüber nachgedacht, woran das liegt, dass ich an guten Tagen vorne reinspringen kann, an den anderen aber 15. werde. Dann ist der neue Input von Bundestrainer Stefan Horngacher gekommen, ein technischer Ansatz, der hat mir genau das gebracht. Das hat das ganze Jahr super funktioniert. Auch wenn mir zum Schluss ein bisschen das Gas ausgegangen ist. Das war schade, ich hätte den Kampf gerne weiter offen gehalten. Aber da bleibe ich jetzt dran.
Zwischenzeitlich flogen sie wie selbstverständlich reihenweise aufs Podium. Ist das der Flow, von dem Springer gerne sprechen?
Jein, ich bin schon jemand, bei dem es nicht von selber geht, der sich immer auf den Hosenboden setzen muss, um sich so etwas zu erhalten. Was habe ich falsch gemacht? Man könnte sagen: Ich war im Flow, weil ich immer im Arbeitsmodus war.
Was auffällt ist, dass sie auch in schwierigen Momenten unter schwierigen Bedingungen bestanden haben, wie bei ihrem Heimspringen in Oberstdorf. Ist das eine Frage der Erfahrung?
Ja, da hat sich bei mir schon etwas getan. Ich habe gelernt, dass es am Ende egal ist, ob ich in Oberstdorf vor 25 000 Leuten springe oder in Russland vor fünf. Es kommt darauf an, nach Möglichkeit den besten Sprung zu zeigen. Dass es dann so gut klappt, da müssen ein paar Dinge zusammenpassen. Die Form muss stimmen, du brauchst auch ein bisschen Glück. Das ist leider nicht planbar.
Was auch ihr Zimmerkumpel Markus Eisenbichler erfahren musste, der als Weltmeister erst am Ende in Tritt kam.
Ja, er hat im Sommer gut trainiert. Und dann hat es trotzdem nicht funktioniert. Erst in Norwegen hat er den Schalter umlegen können und war dann gut in Schuss. Deswegen hätte ich ihm besonders gewünscht, dass es noch weitergeht.
Mussten Sie viel Aufbauhilfe leisten?
Ach, nein. Gerade in den ersten Stunden nach einem Wettbewerb macht das schon jeder mit sich selbst aus. Aber klar redet man darüber. Wir haben schon so viel zusammen erlebt, nicht nur jetzt sondern auch früher im Conti-Cup (2. Liga der Skispringer, Anm.d.Red.), da hat jeder sehr viel Verständnis.
Und sie haben von Beginn an durch ihre guten Sprünge Druck weggenommen.
Das ist überhaupt etwas sehr Wichtiges, dass es jemanden gibt, der die Ergebnisse liefert. Dann können sich auch andere entwickeln. Ich habe sehr davon profitiert, dass Severin Freund so gut war. Und ich freue mich, dass ich jetzt den Beitrag leisten konnte, dass etwa Constantin Schmid sich so entwickeln konnte.
In einer Mannschaft, die kräftig ausgedünnt wird. Im letzten Sprung der Saison hat sich auch noch Stephan Leyhe am Knie verletzt. Macht die Masse der Verletzungen Angst?
Das ist schon extrem bitter – letzten Sommer Andi Wellinger, vorher David Siegel. Severin Freund gleich zweimal. Schön ist das nicht, das ist klar. Aber wir wissen natürlich auch, dass wir eine Sportart ausüben, die ein gewisses Risiko in sich birgt.
Vielleicht ein zu großes. Einige Verbände wollen Regeländerungen…
Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, was wir an den Regeln ändern sollten. Es stimmt sicher, dass zum Beispiel die Keile in den Schuhen Knieverletzungen wahrscheinlicher gemacht haben. Dafür sind die Flüge sicherer geworden. Wenn man sich anschaut, wie viele Saltos es noch vor ein paar Jahren gegeben hat. Wo Leute mit dem Rücken auf den Hang gekracht sind. Ich glaube, die Vermeidung von solchen Stürzen ist wichtiger als von denen bei der Landung. Wenn man an die Keile geht, dann sollte man das mit Augenmaß tun.
Der Ball liegt also eher bei den Jurys?
Ich denke schon. Man sollte zum Beispiel bei Rückenwind nicht mehr so weit springen lassen. Weil du bei diesen Bedingungen zwangsläufig eine andere Flugkurve hast und aus einer größeren Höhe runterfällst. Dann ist es sicher von Vorteil, wenn du in einem Bereich landest, wo der Hang noch steiler ist. Das ist etwas, woran man in jedem Fall ansetzen sollte.
Interview: Patrick Reichelt