München – Das Bora-hansgrohe-Radteam ist schwungvoll in die Saison gestartet. Max Schachmann triumphierte bei der Fernfahrt Paris-Nizza – eine Sternstunde für den Raublinger Rennstall. Doch nun stehen die Räder still. Die Coronakrise stoppte auch den Velo-Sport. Zwar sehen die Budgets der Radteams keine großen Zuschauer- und TV-Einnahmen vor – somit gibt es in dieser Hinsicht auch keine großen Einbußen. Im Interview erklärt Ralph Denk, Chef des Bora-hansgrohe-Teams, dass die Corona-Pandemie trotzdem gravierende Folgen für den sich über Sponsoren finanzierenden Radsport haben könnte.
Herr Denk, Sie haben Teile Ihres Teams am Montag mit einem Privatjet aus Spanien gerettet. Wie kam es zu dieser Aktion?
Unser Cheftrainer Dan Lorang war ein bisschen übermotiviert. Dan wusste, dass keine Rennen mehr stattfinden, er wollte das Höhentrainingslager aber unbedingt fortsetzen und die Zeit nutzen. Plötzlich haben sie gemerkt: Oha, einer nach dem anderen reist aus der Sierra Nevada ab, die Lifte schließen und man war alleine dort oben. Dann kam die Dorfpolizei und meinte: Ihr habt noch 24 Stunden, dann wollen wir euch nicht mehr sehen. Alle Flüge nach Deutschland waren voll. Also gab es nur noch eine Möglichkeit: Privatjet!
Wie groß war die Dankbarkeit?
Sehr groß! Es ist aber immer eine gute Möglichkeit in der Krise als Chef zu beweisen, dass man auch wirklich zusammensteht.
Stichwort Krise: Ist es für den Radsport finanziell gesehen leichter mit der Corona-Pandemie klarzukommen? Es gibt ja keine Zuschauer- und TV-Einnahmen wie im Fußball.
Dass wir nicht von Zuschauereinnahmen partizipieren, ist vielleicht ein kleiner Vorteil. Aber der Ernst der Lage ist uns bewusst. Die Sponsoren kaufen bei uns Rechtepakete, die viel Sichtbarkeit im Fernsehen während der Rennen beinhalten. Das findet im Moment nicht statt.
Was sagen Ihre Geldgeber?
Ich vermute, dass wir sehr feine Sponsoren haben, die – so lange sie können – zu uns stehen. Aber natürlich sind unsere Sponsoren auch nur bedingt leistungsfähig. Keine Firma der Welt ist eine Melkkuh. Und wenn ein Sponsor in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommt, wird natürlich auch das Radsport-Engagement diskutiert werden.
Keiner weiß, wie lange es keine Sportveranstaltungen geben wird…
Wenn die Tour de France gefahren wird, dann ist im Radsport relativ schnell wieder alles in Ordnung. Man muss wissen: 70 Prozent des gesamten Werbewerts generieren wir während der Tour. Wenn sie stattfindet, haben wir vieles erreicht. Wenn nicht, dann müssen wir in Klausur gehen.
Im Fußball wird darüber diskutiert, ob Spieler auf Geld verzichten sollen, um die Gehälter „normaler“ Mitarbeiter zu zahlen.
Der Fußball genießt eine Sonderstellung. Aber wenn die Dachverbände der einzelnen Sportarten Empfehlungen aussprechen, kann das etwas bewirken. Ein Sache ist nämlich klar: Es gibt nur Verlierer! Es wird schlussendlich nur darum gehen, dass man die finanziellen Verlierer möglichst auf gleiche Schultern verteilt. Wenn ein Fußballer zehn Millionen verdient und auf drei Prozent seines Gehalts verzichtet, kann er den Imbissbuden-Besitzer vorm Stadion schon retten. Es wird Solidarität gefragt sein, dass jeder Abstriche macht.
Gibt es Solidarität unter den Teams?
Das bekommen wir nicht hin, nein. Da kämpft jeder für sich alleine. Da erwarte ich keine Hilfe. Ähnlich wie beim Fußball; das hat Hans-Joachim Watzke ja schon angekündigt. Ich könnte mir eher vorstellen, dass Fahrer, die zum Teil ja sehr viel verdienen bei uns, sich solidarisch zeigen.
Lassen Sie uns zum Schluss noch sportlich werden.
Gerne!
Bei Paris-Nizza hatten Bora-hansgrohe zwei Top-Sprinter am Start. Plötzlich bereitet ein Peter Sagan den Zielsprint für Pascal Ackermann vor – und der verliert.
Solche Situationen muss man mit klaren Ansagen untermauern! Sagan hilft Ackermann, Ackermann liefert nicht. Am nächsten Tag hatten wir es umgestellt und Sagan liefert nicht. Es steht also 1:1.
Interview: Manuel Bonke