Frankfurt/München – „Wir haben mit allergrößtmöglicher Motivation Strategien entwickelt für die EM“, versichert Joachim Löw. Der Bundestrainer wird sie aber nicht zeigen können, nicht in diesem Jahr. Seit Dienstag ist es amtlich, dass die Europameisterschaft erst 2021 stattfinden soll. Länderspiele? Der Gedanke ist weit weg. Vielleicht im Juni die ersten wieder, die für März in Spanien und gegen Italien vorgesehenen. Auch als Geisterspiele? „Vielleicht eine Möglichkeit, um wieder anzufangen“, wie Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), meint. „Die Menschen würden das im Fernsehen gucken.“ Und sich nicht irgendwo tummeln, wo sie nicht sein sollten – Argumente in Zeiten der Coronakrise.
Dass derzeit alles anders ist, dokumentierte eine Pressekonferenz des DFB am Mittwoch. Lediglich Nationalmannschaftssprecher Jens Grittner und Verbandspräsident Fritz Keller saßen in der Frankfurter Zentrale – und dabei so weit auseinander wie seit dieser Woche im Fernsehen Talk-Gastgeber Markus Lanz und seine Gäste. Joachim Löw und Oliver Bierhoff, Akademiechef und Leiter Nationalmannschaften, wurden aus ihren Homeoffices zugeschaltet. Die Fragen von Journalisten kamen aus dem Off.
Sportliche Themen hat der DFB derzeit keine. Priorität hat es, den Verband durch die schwere Zeit ohne Spielbetrieb mit wöchentlich 80 000 ausfallenden Partien zu bringen. Man habe „Rücklagen gebildet“, so Fritz Keller, man gebe sie an die Landesverbände weiter. Es gehe auch an der Basis um Existenzen. „Wir wollen 250 000 hauptamtlichen Mitarbeitern in den Vereinen ihre Jobs erhalten.“ Joachim Löw und Oliver Bierhoff seien auch schon auf ihn zugekommen, um eine Bereitschaft erkennen zu lassen auf Reduzierung ihres Gehalts. In der DFB-Zentrale ist die Anmeldung von Kurzarbeit eine Option.
„Was uns vor einigen Wochen wichtig und richtig erschien, ist nun plötzlich nichtig und klein“, verlor sich Fritz Keller ein wenig im Reinhard-Mey-Liedgut („Über den Wolken“), doch auch Joachim Löw denkt derzeit über den Fußball hinaus. Man erlebe wohl „einen kollektiven Burnout der Welt. Die Erde wehrt sich gegen die Menschen und ihr Tun.“ Er findet aber, dass die Politik sich gerade „in eine gute Richtung bewegt“, dass „Populismus und Aktionismus“ nicht gefragt seien.
Löw verbringt wie die meisten viel Zeit zu Hause. „Nur zum Spazieren gehen und Fahrradfahren“ ziehe es ihn nach draußen (wäre indoor aber auch schlecht möglich). Fritz Keller rät allen (jungen) Fußballern, sich nicht im wirklichen Leben zu treffen, sondern in der virtuellen Welt. Leichtes präsidiales Augenzwinkern: „Jetzt ist Handy-Konsumieren mal sinnvoll.“ Es sind wirklich ungewöhnliche Zeiten.