München – Bastian Schweinsteiger ging es nicht gut. Sein Knie hatte sich entzündet, zum ersten Mal in seiner Karriere hatte der talentierte Mittelfeldspieler des FC Bayern, der mit seinen Skifahrer-Beinen so unverwüstlich erschien, ein gesundheitliches Problem. Die Ärzte fanden dann aber die Ursache: Alles die Folge eines Zeckenbisses. Sie warnten: Das solle man nicht unterschätzen, es könne daraus eine Borreliose entstehen, eine Gehirnhautentzündung, eine gefährliche Krankheit. Es ist auch eine Sache, mit der sich das derzeit stark in den Medien präsente Robert-Koch-Institut befasst.
Die Bayerische Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen, deren Aufforderungen, sich zu schützen, jahrelang verhallt waren, verzeichnete daraufhin einen Ansturm auf Arztpraxen in Sachen Borreliose-Impfung. Deren Zahl versechsfachte sich. Der Münchner Mediziner Nikolaus Frühwein, aktiv in der Gesellschaft für Impfwesen, glaubte an einen Schweinsteiger-Effekt: „Das ist viel mehr Werbung für eine Impfung, als wir machen könnten.“
Die Geschichte stammt aus dem Jahr 2007. Nachrichten verbreiteten sich damals noch weitaus langsamer, sie waren eine Sache der traditionellen Medien; das erste iPhone kam erst im Verlauf besagten Jahres heraus. Trotzdem kann man sagen: Auch ohne eigenen Account war Bastian Schweinsteiger vor 13 Jahren bereits ein Influencer. Der Impfstoff wäre wahrscheinlich noch schneller ausgegangen, wenn er über Facebook, Instagram und Twitter seine Fans aufgerufen hätte, sich gegen Borreliose zu wappnen.
Nun ist die Stunde, in der der gute Einfluss der Sportheroen gefragt ist. Es geht darum, die von der Notwendigkeit der konsequenten Hygiene und des Abstandhaltens („social distancing“) zu überzeugen, die noch immer so tun, als habe sich in den vergangenen Wochen im Leben nichts geändert.
Darum stellen diverse Sportler nun ihr Smartphone auf den Tisch, stellen es auf Selfie-Videomodus und zeichnen ihre Appelle auf: Bleibt zu Hause, wie auch wir, deren Körper nach Bewegung schreit, es jetzt tun. Wenn ihr doch nach draußen müsst, um Dringliches zu erledigen, achtet auf Abstand zu den Mitmenschen. Und vor allem: Wascht eure Hände. Immer wieder.
Nur einer übertrieb es: Gianni Infantino, der Präsident der FIFA. Er ließ über den Fußball-Weltverband eine 1:22 Minuten lange Anleitung zum Händewaschen mit sich am heimischen Waschbecken verschicken – was eher zur Belustigung der Netzwelt führte: Wie eine Hand die andere wäscht, dafür habe die FIFA ausreichend Expertise. Doch die FIFA aktivierte auch die Toptrainer Arsene Wenger, Jose Mourinho und Mauricio Pocchettino zu Statements. Die FIFA propagiert „Taktiken, das Coronavirus zu tackeln“ – man bleibt auch in der Krise in der Fußballsprache.
Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw beeindruckte mit seiner in einer Videopressekonferenz gezeigten Betroffenheit („Die Erde wehrt sich gegen die Menschen und ihr Tun“) fast so wie die Kanzlerin in ihrer Ansprache an die Nation. Wenn der immer nette Herr Löw bedrückt sagt, dass „nichts mehr so ist, wie es war“, muss das wohl stimmen.
Nicht jede Anregung der Sportstars muss von heiligem Ernst getragen sein. Manche rufen Challenges ins Leben (Klopapierrollen jonglieren), Mesut Özil, der 50 Millionen Follower auf seinen Social-Media-Kanälen hat, lädt zum Fortnite-Daddeln, Tennisstar Serena Williams gibt im Internet Schminkkurse. Alles ist willkommen, was die Menschen zu Hause hält. Smartphone ist gerade besser als Sportheim – so hat es sinngemäß DFB-Chef Fritz Keller formuliert.
Und Bastian Schweinsteiger? Ist inzwischen Sport-Ruheständler, aber Influencer. Zusammen mit Ehefrau und Ex-Tennisstar Ana Ivanovic schrieb er einen Offenen Brief: „Passt auf euch auf, bleibt gesund!“