„Machen, nicht reden!“

von Redaktion

Paul Breitner über Solidarität in Krisenzeiten, die EM-Absage – und Olympia

München – Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft und somit auch den Fußball fest im Griff. Was sich FC Bayern-Legende Paul Breitner (68) in diesen schweren Zeiten von den Bürgern, Fußballern und Vereinen wünscht, erklärt er im Interview.

Herr Breitner, was erwarten Sie von der Gesellschaft in dieser schweren Zeit?

Wichtigmacherei bringt in dieser Phase gar nix. Es sollte jeder mal einen Schritt zurück gehen von diesem Ich-Ich-Ich-Gehabe! Schauen Sie mal raus, das ist doch der beste Beweis, dass viel zu viele Menschen ihren Egoismus nicht ablegen können oder wollen: Da gibt es noch genug Idioten und Wahnsinnige, die nach wie vor Feste feiern und ihre Kontakte nicht einschränken. Denen sind die aktuellen Verhaltensregeln doch völlig wurscht! Hauptsache: Ich, ich, ich! Die Ausgangssperre ist nun die logische Konsequenz. Wir haben uns zu einem Ich-Ich-Ich-Land entwickelt, in dem jeder immer alles will!

Wie meinen Sie das?

Jeder will sauberen Strom mit neu entwickelten Windrädern – aber keiner will es vor seiner eigenen Haustüre. Jeder will alles, aber bittschön vor der Haustüre des Nachbarn. Und das Gleiche sehen wir jetzt: Ich will meine Freiheit, soll doch der Nachbar daheimbleiben und sich isolieren. Wir haben uns zu einem Volk entwickelt, bei dem immer wieder mal das Hirn auslässt.

Wie haben Sie sich persönlich eingeschränkt?

Ich sitze seit reichlich Tagen hier zu Hause. Meine Frau geht zum Einkaufen, und ansonsten drehe ich meine Laufrunde durch den Wald, ohne dass ich jemandem begegne – solange ich das noch darf! Ansonsten handle ich mit großen Respekt meinem Nachbarn gegenüber. Mehr kann ich nicht machen, mehr kann niemand tun. Und daran sollten sich alle halten.

Sie haben sich bis zuletzt bei der Münchner Tafel engagiert.

Diese Menschen sind aktuell am schlimmsten dran. Darum hatten wir uns am Montag entschlossen, dass unsere Ausgabestelle in Haidhausen weiter geöffnet bleibt. Jeder der Helfer hat gesagt: Solange wir können, solange wir dürfen und solange wir Ware haben, werden wir helfen. Klar haben wir uns umgestellt und alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wir sind für unsere Kunden so lange da, wie es möglich ist.

Was waren die Gedanken der Menschen hier?

Unsere Gäste sind immer dankbar, weil wir ihnen ihr bedürftiges Leben wenigstens ein bisschen verbessern und abfedern können. Die Dankbarkeit und Freude, uns zu sehen, die war am vergangenen Montag so überwältigend, wie überhaupt noch nie.

Bei diesen Themen wirkt es banal, über die Probleme des Fußballs zu sprechen.

Das ist nicht banal, der Fußball steht doch mitten in unserer Gesellschaft. Dass der Fußball deswegen so herausragend behandelt und diskutiert wird, ist die logische Folge davon. In der Zeit, in der übertrieben gesagt die ganze Bevölkerung zu Hause ist, gibt es keinen Fußball. Es gibt keinen Fußball. Ich verstehe nicht, warum im Fernsehen nicht ein paar Stunden am Tag Spiele oder Sportveranstaltungen aus der Vergangenheit gezeigt werden. Die Leute wollen und können allmählich nicht mehr alle Sondersendungen über Corona sehen. Wir sind alle müde mittlerweile.

Viele Fußballprofis versuchen aktuell ihrer Vorbildrolle in der Gesellschaft gerecht zu werden.

Machen wir das Thema kurz: Jeder hat im Rahmen seiner Möglichkeiten die bürgerliche Pflicht zu helfen. Ich halte nichts von den Diskussionen, wer wie viel zu spenden hat oder wie sich jemand engagieren sollte. Da sollten sich endlich mal einige raus-nehmen und nicht so viel reden. Auch die, die jetzt verkünden, wie viel Geld sie spenden. Die sollen es einfach machen!

Wie sind Ihre Gedanken zum Thema Solidarität innerhalb der Bundesliga?

Denken Sie diese Idee in die Richtung zu Ende, über die wir eben gesprochen haben. Denn: Das betrifft den einzelnen Bürger, aber freilich auch Organisationen, Firmen und Vereine. Da brauche ich gar nichts mehr dazu sagen.

Über die EM-Absage werden Sie aber schon etwas sagen?

Das war die einzig logische Konsequenz. Und es ist auch richtig, das in einem Zeitrahmen zu machen, der ansatzweise greifbar ist. Wir wissen doch gar nicht, wie lange alles dauert. Das stört mich auch: Viel zu viele Leute wollen jetzt kurzfristig denken und basteln sich den bestmöglichen Fall zusammen. Nein, seid realistisch! Und nehmt für eure Entscheidungen einen Zeitrahmen, der möglich sein kann. Und wenn die EM um ein Jahr verschoben wird, ist das ein überschaubarer Zeitrahmen. Und der lässt theoretisch wiederum genügend Zeitraum, um die EM vielleicht noch mal um ein Jahr zu verschieben, wenn es notwendig ist.

Sagen Sie das mal dem IOC …

Wenn ich diese unverantwortlichen Profilneurotiker des IOC sehe, da kommt mir das Kotzen! Die wollen allen Ernstes ein Hochamt des Dopings in Tokio haben im Sommer. Sind die blind? Wissen die nicht, was jetzt abgeht? In Zeiten, in denen die gesamte medizinische Konzentration auf Covid-19 gerichtet ist. Was glauben die, was jetzt passieren wird, was wir dann in Tokio haben? Noch mal: Ein Hochamt des Dopings! Wie kann ich an einer solchen Veranstaltung festhalten, nur weil die Japaner keine Zahlen rausgeben oder sie mit ihren Zahlen alles tun, um die Weltöffentlichkeit zu blenden? Um einen Grund zu haben, um an diesen Olympischen Spielen festzuhalten. Ja verdammt noch mal, wer braucht in diesen Zeiten diese Spiele? Niemand!

Interview: Manuel Bonke

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