München – In Krisen von historischem Ausmaß gibt es verschiedene Szenarien: Die Betroffenen können zum Beispiel eine verlorene Solidarität wiederentdecken. Auseinander gedriftete Teile wachsen langsam wieder zusammen und die Beteiligten gehen am Ende aus der Not sogar gestärkt hervor.
Im Sport sind erste Anzeichen dafür zu erkennen: Der Profi-Fußball hat begonnen, sich in der Corona-Pandemie sozial stärker zu engagieren. Entweder spenden die Stars direkt oder verzichten auf Gehalt. In der Krise scheint sich der Fußball, auf das Wesentliche zu besinnen. Der Tennis-Sport hat einen anderen Weg gewählt. Mit Covid-19 im Nacken entflammen alte Grabenkämpfe, die den vermeintlichen Gentleman-Sport erschüttern. Schon jetzt steht fest: Das professionelle Tennis wird nach Corona nicht mehr dasselbe sein.
Was ist passiert? Auch auf der Tennis-Tour mussten zahlreiche Turniere abgesagt werden. Das erste Opfer war das Masters-Turnier unter der Sonne der kalifornischen Wüste von Indian Wells mit dem deutschen Turnierdirektor Tommy Haas. Einige Sponsoren grummelten da bereits, der Unmut hielt sich jedoch in Grenzen. Bis die generellen Absagen auch die French Open betrafen. Das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres machte nämlich prompt Nägel mit Köpfen und verkündete letzten Dienstag, dass sie das Groß-event vom 20. September bis 4. Oktober nachholen. Das Ganze ohne vorherige Absprache. Nur den zwölfmaligen French-Open-Champion Rafael Nadal sollen die Franzosen in ihre Pläne eingeweiht haben.
Entsprechend drastisch die Reaktionen anderer Spieler: „Das ist krank“, kommentierte der Kanadier Vasek Pospisil. Die Entscheidung der Veranstalter in Paris sei „egoistisch und ziemlich arrogant“.
Für die Beweggründe der Franzosen existieren zwei Lesarten. Variante eins: Die Anlage am Bois de Boulogne im Pariser Westen wird seit 2011 renoviert. Insgesamt lässt sich der französische Tennisverband den Umbau 380 Millionen Euro kosten. 2021 soll der historische Grund im neuen Glanz erstrahlen. Die Grand-Slam-Veranstaltung mit einem geschätzten Gewinn von über 60 Millionen Euro pro Jahr muss womöglich aus wirtschaftlichen Zwängen heraus auch in Corona-Zeiten über die Bühne gehen. Sehr kapitalistisch motiviert, aber dass die French Open 2020 für den Verband enorme Bedeutung haben, ist nachvollziehbar.
Variante zwei: Schwieriger wird es mit dem Verständnis, hinterfragt man das exakte Datum: 20. September bis 4. Oktober – just in diesen Zeitraum fällt der Laver Cup in Boston und kommt die Sportpolitik ins Spiel. Die vier Grand-Slam-Turniere unterstehen der ITF, der International Tennis Federation. Genau wie der Davis Cup, der sich mit genau diesem Laver Cup einen erbitterten Ausscheidungskampf liefert. Kaum vorstellbar, dass beide Teamwettbewerbe mittelfristig überleben, erst recht, da mit dem ATP Cup noch ein dritter Konkurrent Anfang des Jahres in Australien ausgetragen wird. Die Corona-Krise beschleunigt dieses Rennen fundamental.
Nun könnte man sagen: Dann verschwindet der Laver Cup halt wieder. Aber hinter dem Duell zwischen Europa und dem Rest der Welt steht nicht irgendjemand, sondern Branchen-Gigant Roger Federer mit seiner mächtigen Agentur „Team8“. Die Schweizer Tennislegende versucht mit seinen Geschäftspartnern seit 2017 das Show-Teamevent mit aller Kraft zu etablieren. Das funktioniert allerdings nur, wenn dort Topstars auftauchen. Findet parallel ein Grand-Slam-Turnier statt, bei dem im Gegensatz zum Laver Cup Weltranglisten-Punkte zu ergattern sind, hat sich die Show in Boston erledigt.
Aber noch lässt Federer die Muskeln spielen. Er kündigte an, den Laver Cup wie geplant auszutragen. Ebenfalls nicht begeistert sind die US Open, deren Finale eine Woche vor dem neuen Start der French Open gespielt würde. Der Tennisverband der USA (USTA) schloss zwar nicht aus, seinerseits die US Open zu verschieben, betonte allerdings mit einem Seitenhieb in Richtung der französischen Kollegen: Die USTA würde eine Entscheidung wie jene niemals alleine treffen, sondern sie absprechen „mit den anderen Grand-Slam-Turnieren, der WTA und ATP, der ITF und unseren Partnern – den Laver Cup eingeschlossen“.
Momentan bewegt sich niemand einen Millimeter. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht. Nicht ausgeschlossen, dass Rafael Nadal Anfang Oktober seinen Titel in Paris verteidigt und gleichzeitig Roger Federer beim Laver Cup in Boston aufschlägt. Gipfeln kann der Machtkampf in der Abspaltung einzelner Verbände – nach dem Vorbild des Profi-Boxens. Verschiedene Weltranglisten und Topstars, die nicht mehr gegeneinander antreten, wären die Konsequenz. Für das Tennis – und nur fürs Tennis – bleibt zu hoffen, dass die Virus-Pause noch etwas andauert.
So haben alle Beteiligten noch die Chance, zur Vernunft zu kommen und zu erkennen: Nur gemeinsam ist man stark – nicht nur im Kampf gegen Covid-19.