München – „Hat die überhaupt ’ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ ist ein guter Titel für das Buch von Claudia Neumann, das heute erscheint (Verlag Harper Collins). Weil man ja sofort weiß, um was es geht: Wie die Fußballkommentatorin des ZDF zum Ziel von Anfeindungen wurde und was für ein Shitstorm über sie hinwegzog, als sie Männerspiele zu übertragen begann. Das Küchenzitat ist wahrscheinlich eine der harmloseren Beschimpfungen.
Dass es für die Tonlage keine Rechtfertigung gibt, dürfte unter Menschen, die einen zivilisierten Umgang miteinander pflegen, gar keine Frage sein, die man diskutieren muss. Und natürlich muss auch nicht rechtfertigt werden, dass eine Frau ein Fußballspiel erläuternd begleitet. Dennoch haben sich Neumanns Interviews immer so angehört, als würde sie glauben, ihre Legitimation nachweisen zu müssen, wenn sie von ihren Klaus-Fischer-artigen Fallrückziehern als junge Spielerin erzählte.
Auch in diesem Buch erweckt sie den Eindruck, Fußballkompetenz belegen zu müssen. Sie berichtet vom „frühen Gespür für Lauf- und Passwege“ von „Toren am Fließband“, davon, dass Alice Schwarzer und die Emanzipation „Themen waren, die an mir vorbeirauschten“. Sie suchte „meinen Platz im Kosmos“, der Fußball wies ihr den Weg. Idol: Wolfgang Overath. In der Zeitung wurde über sie berichtet: „Gelungener Auftakt unserer neuen D-Jugend. Das Eröffnungsspiel war ein großer Erfolg. Unsere Mannschaft konnte mit 2:0 gewinnen, beide Tore erzielte der beste Spieler auf dem Platz. Es war ein Mädchen, es war Frank Neumanns Schwester Claudia.“
Es war in den 70er-Jahren schwer, als Mädchen Fußball zu spielen. Die Eltern (Vater Neumann war Starfighter-Pilot) schickten sie zum Reiten. Eine pflegeleichte Tochter war sie nicht: Sie musste, weil sie ihr Mofa frisierte, 30 Stunden Sozialdienst leisten.
Das klingt wie an die männliche Kritikerwelt gerichtet – im Sinne von: Wir sind uns doch viel näher, als ihr glaubt. Es ist nicht die Diskussion, die man führen sollte – und nach einem Drittel seines Umfangs ist das Buch mit dem Titelthema durch.
Interessanter ist „Hat die überhaupt ’ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ als Geschichte des deutschen Fußballfernsehens. Claudia Neumann war nicht immer beim ZDF. Ihre journalistische Laufbahn begann 1990 mit einem Praktikum bei RTL, dem ersten Privatsender, der Fußballberichterstattung anders aufzog, showartiger. Qualifiziert hatte sich Neumann mit Fachwissen über Ralf Loose, einen deutschen Fußballer, der mal eine Nachwuchshoffnung war. Ihre nächste Station: Sat1, das Format „ran“, Reinhold Beckmann und seine rote Jeansjacke, der Druck der Quote, die live eingesprochenen Zusammenfassungen der Bundesligaspiele.
Sat1 setzte durchaus auf Frauen in der Redaktion. Gaby Papenburg und Annett Pilawa erschienen vor der Kamera. Neumann strebte diese Präsenz nicht an. Nach einem Fahrradsturz als Kind und einer daraus resultierenden Narbe an der Nase war ihr klar: „Eine Moderatorenkarriere kann ich mir schon früh abschminken.“
Sie erlebte „die Goldgräberzeit des Sportfernsehens“. Doch als Sat1 den Umzug von Hamburg nach Berlin beschließt, wechselt sie zum ZDF (1999). Neumann schreibt, dass, ehe sie nach ihren ersten Livekommentaren bei Männerspielen die Hasswelle traf, sie „25 Jahre weitgehend widerspruchsfrei über Fußball berichtet“ habe. Das stimmt: Sie ist eine hervorragende Geschichtenmacherin, eine konsequente Interviewerin – man erlebt das jeden Samstag bei Bundesliga-Beiträgen im Sportstudio.
Doch vielleicht ist sie im Livekommentar, den sie selbst die „Königsdisziplin“ nennt, einfach nicht so gut wie andere. Nicht sprachgewaltig, nicht originell, nicht spontan genug. Im Buch schreibt sie von Hitchcock-Spannung (wer sagt das heute noch ernsthaft?) oder formuliert Sätze wie „Vom Sixpack zu träumen wäre tollkühn. Abgesehen von Kaltgetränken im Kühlschrank“ – nun ja. Das ginge besser.
Um zum übergeordneten Thema des Buches zurückzukommen, zur Rolle von Frauen im Berufsleben: Neumann schreibt, dass „in Politik, Kultur oder Wirtschaft weibliche Kompetenz seit geraumer Zeit als Spektrums-Bereicherung anerkannt wird“. Das stimmt, muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass das im Sport nicht so ist. Bei Sky arbeiten etliche Frauen, die ARD hat in Stephanie Baczyk eine allseits gelobte Fußballkommentatorin.
Neumann weiter: „Der Fußball bleibt ein von männlichen Hormonen gesteuertes Business, in dem Machterhalt oberstes Gebot zu sein scheint.“ Auch richtig – doch sie selbst führt auch aus, dass sich eine Gegenbewegung entwickelt: Es gibt 29 Fußball-Lehrerinnen in Deutschland und 1000 Frauen mit A-, B- und Elite-Jugend-Lizenz. Ohne Frage: Frauen sind fußballkompetent.
Dennoch darf man Claudia Neumann kritisieren. Fachlich eben: Für altbackene Formulierungen. Für falsche Namen. Für die Sprachmelodie, wenn man glaubt, sie passe nicht zum Spiel. Und für die Stimme? Da nicht. Stimme ist, wie sie ist. Aber man hat das Recht, dass sie einem nicht gefällt. GÜNTER KLEIN