München – Christian Drosten hat sich gestern aufgeregt. Deutschlands Virologen-Superstar, der nun jede Woche bei Maybrit Illner am Talktisch sitzt und täglich per Podcast den Deutschen ihr „Corona Virus Update“ gibt, beschwerte sich auf Twitter über quasi sich selbst. Er hatte dem „Stern“ ein Interview gegeben, es auch in diesem Wortlaut abgesegnet, erschrak aber, als er die Überschrift las: „Christian Drosten: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten.“ Drosten dazu: „Diese Zuspitzung und Selbstverkürzung durch den Stern ist mit peinlich und entspricht nicht dem Zusammenhang des Interviews. Ich bin schockiert.“
Aber der Satz steht nun mal: „Ich glaube überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.“ Und damit ist die Prognose Drostens (Charité Berlin) die derzeit düsterste. Alexander Kekulé (Universität Halle) und Jonas Schmidt-Chanasit (Bernhard-Nocht-Institut Hamburg) bleiben darunter. Klar aber dürfte sein, dass der Fußball in Deutschland in diesem Halbjahr nicht zum Alltag zurückkehren wird. Wenn das Präsidium der Deutschen Fußball-Liga (DFL) heute per Videokonferenz tagt, wird ein anderes Thema besprochen werden: Wann besteht eine realistische Chance, dass 1. und 2. Bundesliga wenigstens einen Betrieb ohne Stadionpublikum wieder aufnehmen können? So würde man zumindest die mit dem 26. Spieltag fällige dritte von vier Raten der Fernsehrechte-Inhaber einspielen und aus dem Gröbsten vorerst heraus sein.
DFB-Vizepräsident Rainer Koch hatte es am Sonntag im Sport1-Doppelpass, bei dem sechs Diskutanten sehr weit auseinander saßen (die Woche davor noch neun Leute wie auf der Hühnerstange), auf den Punkt gebracht: „Niemand will Fußballspiele ohne Fans, aber noch weniger will man gar keinen Fußball. Als erstes geht es um die Gesundheit, als zweites geht es um die Liquiditätssicherung, als drittes geht es um den schnellstmöglichen Erhalt von Einnahmen. Das geht im Profi-Fußball über den Erhalt von Fernseheinnahmen, auch wenn keine Zuschauer im Stadion sind.“
Die Idee, die die DFL besprechen wird: Kann man die Mannschaften so isolieren, dass Infektionen von Spielern möglichst ausgeschlossen, Teams nicht unter Quarantäne gestellt und Spiele am grünen Tisch entschieden werden? Abschottung total? Man wird wohl kreativ werden, nachdem schon der gut gepuderte Club RB Leipzig klagte, ihm würden in drei Monaten die liquiden Mittel ausgehen.
Christian Seifert, starker Mann der DFL, ist wohl dabei, mit Sky als wichtigstem Rechteinhaber diverse Szenarien durchzusprechen. Der Münchner Pay-TV-Anbieter, den manche für den nächsten Rechtezyklus (2021 bis 25) in schlechter Position sahen, kann zwar derzeit kein Liveprogramm bieten, sitzt aber an einem langen Hebel. Er hat die Mittel, die die Vereine benötigen – jedenfalls die meisten. Wenn eine mehrmonatige Pause dazu führen würde, dass die Hälfte der 18 Zweit- und ein Drittel der 18 Erstligisten den finanziellen Tod stürbe, könnte auch ein Solidarfonds, in den nur ein paar einzahlen, wenig bewirken.
Überlegen muss Seifert auch, ob man die Ausschreibung der Medienrechte aussetzt. Momentan hat die DFL nichts zu bieten, ein erwarteter Bieter wie der Streamingdienst DAZN steht ohne Liveevents nackt da. Die avisierte Steigerung der Erlöse, mit denen auch das aktuelle Minus ausgeglichen werden müsste, ist akut gefährdet, die Goldgräberstimmung dahin.