„Jeder Tag ist ein Geschenk“

von Redaktion

Der spanische Ex-Profi Matallanas über sein Leben mit ALS, die Coronakrise und Fußballidole

München – Carlos Matallanas sitzt zu Hause fest. Nicht seit ein paar Tagen, seine „Quarantäne“ dauert bereits vier Jahre an. Der ehemalige Drittligafußballer aus Spanien ist 33 Jahre alt, als er – so sagt er selbst – „die makaberste aller Lotterien“ gewinnt. ALS lautet die Diagnose. Amyotrophe Lateralsklerose. 2014 war das. Anfangs merkt Matallanas nicht viel, zwei Jahre später hört sein Körper jedoch auf zu funktionieren. Der Intimus des spanischen Weltmeisters Fernando Torres, 36, mit dessen Bruder er gemeinsam in der Jugend kickte, ist plötzlich in seinem Körper gefangen. Seitdem ist er an sein Bett gefesselt. Nicht aber sein Geist. Bis vor kurzem arbeitete er als Videoanalyst für den Zweitligisten Fuenlabrada und geht auch seiner Tätigkeit als Journalist weiterhin nach. Carlos schreibt mit seinen Pupillen. Auch die Fragen dieses Interviews beantwortet der heute 38-Jährige dank eines Computers mit Bewegungssensoren mit den Augen. Ein Gespräch über Fußball. Den Tod. Und den Lebensmut, der dieser Tage wichtiger denn je ist.

Herr Matallanas, wie geht es Ihnen?

Den Umständen entsprechend gut. Ich mache weiter, so handhabe ich das seit Tag eins. Mittlerweile bin ich einigermaßen stabil. Das erlaubt es mir, verschiedene Aufgaben und Herausforderungen anzugehen.

Wie ist es aktuell um die ALS-Forschung bestellt?

Die Ice Bucket Challenge im Jahr 2014 hatte einen bedeutenden finanziellen Impuls zur Folge. Die Forschung profitiert auch heute noch davon. Es geht schleichend voran, noch haben die Wissenschaftler die Krankheit allerdings nicht in ihrem Kern verstanden. Die Forschung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem aber vom Geld. Früher oder später werden wir den Kampf gewinnen.

Wann, denken Sie?

Es kann in fünf, zehn, vielleicht aber auch erst in 50 Jahren so weit sein.

Bekommt ALS zu wenig Aufmerksamkeit?

Geht es nach den Familien ihrer Opfer, bestimmt. Für die meisten Medien ist es eine komplizierte Angelegenheit, schließlich ist die Visualisierung der Krankheit ein Schlag ins Gesicht für jeden Leser und Zuschauer. Eine Dosis knallharte Realität sozusagen. Verständlich, dass weniger gesprochen wird darüber, als es eigentlich sollte. Hinzu kommt, dass die Fälle, die eine gewisse Aufmerksamkeit erlangen, ein paar Jahre später bereits tot sind. Das hilft nicht, die Krankheit im Vordergrund zu halten.

Erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit als Videoanalyst für Fuenlabrada.

Ich wollte schon immer Trainer werden, die Krankheit hat mir aber auch diesen Traum genommen. Als ich stabil genug war, hat mich einer meiner letzten Trainer um eine Einschätzung seiner Arbeit bei Cádiz B gebeten. Innerhalb von drei Jahren habe ich meine Arbeitsweise so weit es ging perfektioniert und mich in der Folge seinem Trainerteam angeschlossen. Auch Fuenlabrada hat meine unkonventionelle Arbeitsroutine akzeptiert und mich wie einen Angestellten mehr behandelt. Von meinem Bett aus verfolge ich die Spiele und Trainingseinheiten, tausche mich über WhatsApp mit dem Trainer aus und lege ihm meine Sicht der Dinge dar. Ich bin trotz meiner Situation Analyst. Und sehr stolz darauf.

Verfolgen Sie auch die Bundesliga?

Nicht im selben Maß wie andere Ligen. Was Ergebnisse und Tabellenstand angeht, halte ich mich aber schon auf dem Laufenden. Die Bundesliga befindet sich im Wachstum, dennoch spielt die Physis auch weiterhin eine wichtigere Rolle als Technik und Taktik. Es sollte mehr Wert auf das individuelle Talent gelegt werden, dann würde eine Vielzahl an Mannschaften einen Schritt weiter nach vorne machen. Es ist nicht einfach, aber notwendig.

Ein deutscher Trainer, der es Ihnen angetan hat?

Jupp Heynckes und seine Schlichtheit sollte allen Vorbild sein. Auch Jürgen Klopps Tollkühnheit war und ist beeindruckend. Joachim Löws Beginn in der Nationalmannschaft war auch stark. Deutschland war schon immer eine Nation großer Trainer. Ich persönlich habe Pep Guardiolas Etappe in München und seine damit einhergehende Entwicklung intensiv verfolgt. Zum Schluss hat er ein 1-2-3-5 spielen lassen. Mein Vater hat mir stets erzählt, dass Alfredo di Stefanos Real Madrid Ende der Fünziger und Anfang der Sechziger mit diesem System gespielt hat. Ich war überzeugt davon, dass es im modernen Fußball unmöglich wäre. Pep hat mich aber eines Besseren belehrt.

Wie steht es um deutsche Spieler?

Die Liste ist lang. Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, dann für die Helden meiner Kindheit: Matthäus und Klinsmann.

Würde der FC Bayern in der spanischen Liga genauso erfolgreich sein?

Schwer zu sagen. Ich bin schon überzeugt davon, dass der spanische Fußball weltweit führend ist – weil die physischen, taktischen und technischen Komponenten in sämtlichen Clubs sehr ausgeprägt sind. Klar, Real Madrid und Barcelona dominieren. Sie tun das aufgrund ihrer Rivalität, was sich wiederum positiv auf den Rest der Mannschaften auswirkt. Diese Art von Gegenspieler fehlt den Bayern in der Bundesliga. Dortmund ist zwar ebenfalls eine großartige Mannschaft, befindet sich aber dennoch eine Stufe unterhalb der Bayern. So wie Atlético, Valencia oder Sevilla hier.

In der Bundesliga kommt man beim Thema ALS nicht um den 2005 verstorbenen Ex-Wolfsburger Krzysztof Nowak herum.

Ich weiß nur, dass er jung gestorben ist (mit 29/Red.). Es ist wichtig, dass die Gesellschaft bekannte Gesichter mit ALS in Verbindung bringt, damit diese Krankheit nicht in Vergessenheit gerät.

Was sagt das Coronavirus über unsere Gesellschaft aus?

Ich bin davon überzeugt, dass es uns zu besseren Menschen machen wird. Uns allen wird dieser Tage bewusst, was wirklich zählt im Leben. Bevor diese Entwicklung stattfindet, steht uns allerdings eine schwere und leidgeplagte Zeit bevor. Viele sind nicht vorbereitet auf die psychologische Herausforderung, vor die uns Corona stellt. Als Menschen können wir stärker daraus hervorgehen. Solidarität und Brüderlichkeit leben. In etwa so wie nach dem Zweiten Weltkrieg, nur dass wir hier alle auf derselben Seite kämpfen.

Sie kämpfen von Ihrem Bett aus. Lieber das, als gar nicht leben – ein Satz, den Sie bestimmt öfters gehört haben.

Und dem ich in vollem Umfang zustimme. Das ist meine Botschaft. Gleichwohl verstehe ich auch, dass es Menschen gibt, die nicht durch diese Hölle gehen wollen. Dass sie mein Leben nicht als solches bezeichnen. Für das Leben gibt es aber kein Drehbuch. Auch nicht für mein Schicksal. Alles ist erlaubt. Für mich steht das Leben an oberster Stelle. Denn mein Gehirn funktioniert auch weiterhin.

Haben Sie Träume?

Nein, die Krankheit hat sie mir alle geraubt. Ich lebe von Tag zu Tag, setze mir kleine Ziele und arbeite und gebe mein Bestes, um sie zu erreichen. In meiner Situation bleibt mir nichts anderes übrig: Jeder Tag ist ein Geschenk. Und ich will jeden einzelnen davon nutzen.

Interview: Jose Carlos Menzel Lopez

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