Ob Hansi Flick seine Kleidung absichtlich gewählt hat oder nicht, ist egal. Denn so oder so passt sie zu dieser unwirklichen Situation, die der Bayern-Trainer da moderiert. Auf den Sequenzen, die auf der Homepage des Rekordmeisters vom Homeoffice der Spieler veröffentlicht wurden, ist der Coach in einem Shirt zu sehen, auf dem in großen Lettern „WORK“ steht. Jaja, arbeiten sollen die Jungs. Krafttraining, Grundlagenausdauer, Intervalle – Corona-Pause heißt nicht Auszeit, im Gegenteil.
Es wird in diesen Tagen ja viel darüber diskutiert, was erlaubt ist und was nicht, und im Falle von Profi-Fußballern hat zu dieser Debatte, die in allen Lebensbereichen geführt wird, auch jeder eine Meinung. Manche Bundesligisten haben lange als Team trainiert, ehe Homeoffice verordnet wurde. Andere entscheiden von Woche zu Woche. Stand heute haben 16 von 18 ihre Profis in Heimarbeit geschickt. Wolfsburg trainiert im Kraftraum – und Augsburg seit Montag auf dem Platz. Irgendwie doch ein befremdliches Zeichen.
Auch beim FC Bayern wurde bereits in der vergangenen Woche ausführlich darüber beraten, ob es Einheiten in kleinen Gruppen geben soll. Erst hieß es ja, dann hieß es nein, und dabei blieb es bis heute auch. Das aktuelle Vorgehen – Videochat mit Fitnesstrainern, Screening, individuelle Aufgaben für jeden – ist lobenswert und genau richtig. Anders der FCA. Denn auch wenn alles mit den Behörden abgestimmt ist, die Spieler umgezogen zum Training kommen und keine Zweikämpfe führen dürfen: Die Gründe, die Manager Stefan Reuter für den Sonderweg nennt, sind schwach. Ein Auszug: „Wenn ein Fußballer zwei Tage Ruhe geben muss, wird er unruhig und es kribbelt.“ Mit Verlaub: So geht es im Moment 83 Millionen anderen Bundesbürgern auch.
Der Fußball hat spät, aber noch rechtzeitig verstanden, dass er aktuell nichts weiter ist als ein Teil einer Gesellschaft, die von einer Krise erschüttert wird. Das Bewusstsein, auch in kleinen Aktionen ein Vorbild (oder eben Negativbeispiel) mit großer Reichweite sein zu können/sollen, ist aber wohl noch nicht überall gewachsen. Da wird am Sonntag ein Kontaktverbot erlassen, da darf der normale Bürger nur noch allein oder mit seinem Partner zum Joggen gehen und muss jedem anderen Menschen ausweichen – und in Augsburg startet tags darauf ein Gruppentraining? Millionen Jugendliche grübeln jetzt, ob sie nicht auch wieder kicken gehen können.
Die Bundesligisten haben Zeit bis mindestens Mai, ehe es wieder um Punkte geht. Da sollte es doch möglich sein, wie alle anderen erst mal daheim zu bleiben. Ein guter Hometrainer hält sein Team auch in diesen Zeiten zusammen. „WORK“ interpretiert sich momentan anders als sonst. Für alle, also auch für Bundesliga-Übungsleiter.
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