„Geisterspiele sind wohl nicht möglich“

von Redaktion

Virologe Franz Reichl über Waffen gegen das Coronavirus und die Situation des Fußballs

Herr Reichl, Ihr Leitspruch ist „Aufklärung statt Panik“. Legt sich die Panik langsam, weil die Bevölkerung immer aufgeklärter wird, je länger die Corona-Krise anhält?

Die Aufklärung ist jetzt da – aber es hat viel zu lange gedauert, bis man aufgeklärt hat. Es werden immer noch apokalyptische Nachrichten verbreitet. Da werden Ängste ausgelöst – und das sollte man nicht machen. Man sollte die wissenschaftlichen Daten und Fakten nehmen und interpretieren. Für die Leute ist es problematisch, wenn sie zwei Meinungen hören: Einmal die Wissenschaft und auf der anderen Seite vielleicht manchmal nicht allzu gut informierte Politiker.

Nehmen wir also die wissenschaftliche Sicht.

Gerne! Es gibt eine aktuelle Animation, die die internationalen Fallzahlen im Vergleich zeigt. Da sieht man schnell, wer alles richtig gemacht hat – und wie der Effekt sich auswirkt. Die USA zum Beispiel haben viel zu lange gewartet mit ihren Maßnahmen, während Südkorea sofort wichtige und korrekte Maßnahmen getroffen hat. Wenn man das mal auf den Sport bezieht: Da ist Anfang März ein Spiel Leipzig gegen Tottenham vor vollem Stadion ausgetragen worden. Die Virologen haben davor gewarnt – und wurden ausgelacht. Das war ein absoluter Irrsinn! Die Infektion in einem Fußballstadion geht unfassbar schnell. Die Viren werden milliardenfach mit einem Atemzug ausgeatmet – und alle Umstehenden werden infiziert.

Hat der Sport zu spät reagiert?

Deutschland hat zu spät reagiert, aber immer noch schneller als in manch anderem Land. Dieses Virus hat eine Besonderheit, das unterscheidet es von allen anderen Viren. Seine Ausbreitungsgeschwindigkeit ist enorm, das gab es noch nie. Dagegen haben wir nur zwei Waffen: 1.  Medikamente und Impfstoff. 2. Die Vernunft, die Einsicht und die Akzeptanz der Menschen. Solange Medikamente und Impfstoff nicht einsatzfähig sind, kann man nur mit der zweiten Waffe arbeiten. Bei Großereignissen ist die Ansteckungsgefahr um ein Vielfaches höher. Deshalb können Großereignisse aus wissenschaftlicher Sicht nicht stattfinden.

Wie sind die aktuellen Stände?

Bei den Medikamenten gibt es gute Ansätze. Da gibt es zugelassene Medikamente, zum Beispiel für Ebola. Mit diesem Medikament wurden bereits etwa 1000 Chinesen mit schweren Symptomen behandelt, da scheint es einen ersten Erfolg zu geben. Man nennt so etwas einen „Off-Label-Use“, das heißt: Die Zulassung existiert bereits für eine andere Viruserkrankung, sie müsste nur ausgeweitet werden. Genau dasselbe wäre bei einem Malaria-Mittel möglich.

Wie sieht es beim Impfstoff aus?

Viele Leute fragen ja: Warum dauert das so lange? Dazu muss man wissen: Die Impfstoffe sind schnell entwickelt, existieren zum Teil schon. Aber von der Entdeckung bis zur Zulassung dauert es mehr als ein Jahr. Die Überprüfung ist enorm wichtig – denn der Impfstoff wird gesunden Menschen verabreicht. In Phase eins ist der Impfstoff an etwa 20 Personen schon getestet worden. In Phase 2 und 3 muss nun gewährleistet werden, dass er bei gesunden Menschen keine Nebenwirkungen auslöst. Leberversagen, Herz-Kreislauf-Probleme, das muss alles getestet werden. Wir werden den Impfstoff deshalb nicht vor einem Jahr – also Sommer 2021 – verfügbar haben.

Bis dahin ist ein Fußballspiel mit Kulisse aus wissenschaftlicher Sicht nicht ratsam, oder?

Wir müssen die Kurven betrachten – und sehen: Unsere Kurven steigen noch viel zu steil an. Das ist in China und Südkorea anders, dort flachen die Kurven ab. Die Antwort, wann man wieder ein normales Leben führen kann, ist relativ einfach zu geben: Wenn die Kurve der Infizierten die Kurve der Genesenen schneidet. Dann hätten wir die Spitze des Berges erreicht, dann ginge es bergab. Das war in China nach etwa drei Monaten der Fall. Aber man muss auch sagen, dass die Chinesen alles richtig gemacht haben. Wenn ich sehe, dass am letzten Freitag in meiner Heimat am Tegernsee noch Biergärten voll besetzt waren, dann sehe ich diesen Erfolg bei uns in drei Monaten nicht. Der Egoismus und die Unvernunft mancher Menschen sind das Problem, das uns nach hinten wirft. In China haben alle mitgemacht, weil sie mussten.

In China wurden viele Sperren nun aufgehoben.

Und da wird es jetzt interessant. Die Gefahr besteht, dass nun noch mal eine Welle aufkommt. Aus virologischer Sicht ist das riskant. China wird uns zeigen, was noch alles kommen kann. Großveranstaltungen werden mit Sicherheit als Allerletztes möglich sein. Und als Wissenschaftler sage ich: Gesundheit geht vor wirtschaftlichem Kommerz.

Sind Geisterspiele ein Kompromiss für den Anfang?

Das wird wohl nicht möglich sein. Man hat zum Beispiel beim Spiel zwischen Dortmund und Paris gesehen, was dann passiert. Die Fans sammeln sich vor dem Stadion. Da stecken sich wieder hunderte an. Man muss an die Vernunft der Fans appellieren, zuhause zu bleiben. Und da bin ich mir nicht sicher, ob das alle erreicht. Außerdem frage ich mich, wie ein fairer Spielbetrieb gewährleistet sein sollte.

Inwiefern?

Was macht man denn, wenn ein Spieler Corona-positiv ist? Dann muss die ganze Mannschaft in Quarantäne. Sie haben ja miteinander trainiert. Ein Spielbetrieb scheint eigentlich unter diesen Voraussetzungen nicht möglich. Wir können nicht sagen, wie lange das so sein wird und muss. Dem Fußball geht es da wie allen Teilen der Gesellschaft: Es ist vieles ungewiss.

Wird es denn immer so bleiben: Ein Spieler ist infiziert – alle müssen in Quarantäne?

Natürlich. Diese Regel kann unter keinen Umständen gelockert werden. So wird es weitergehen. Alle Mannschaftskollegen sind Kontaktpersonen – ein Spiel wäre im Fall einer Infektion im Team überhaupt nicht durchführbar. Das kommt beim Sport noch hinzu. Homeoffice ist ja da nicht möglich (lacht). Erst beim hypothetischen Fall, dass alle Bundesliga-Spieler immun gegen das Virus sind und genesen wären, könnte man die Regel lockern. Aber das wird nicht passieren. Dazu kommt ja noch, dass die Ansteckungsgefahr nach 14-tägiger Quarantäne zwar vorüber ist, aber die Genesenen noch evtl. mit Familienmitgliedern zusammenwohnen, die vielleicht auch positiv sind und noch infektiös wären, weil die 14-tägige Quarantäne bei ihnen noch nicht vorbei ist.

Erklären Sie das genauer!

Das Virus ist nach sechs bis acht Tagen eliminiert. Man gibt noch den Sicherheitsfaktor 2 dazu, das heißt, dass man nach einer 14-tägigen Quarantäne nicht mehr ansteckend ist. Trotzdem sind die Viren bzw. Virenfragmente noch danach nachzuweisen. Nachtestungen bei Genesenen haben oft noch einen positiven Test nach der Quarantänezeit ergeben. Aber hier ist ganz wichtig zu wissen: Sie sind dann nicht mehr ansteckend.

Und wenn noch ein Familienmitglied infiziert ist, dessen Viren man wiederum über die Hautoberfläche weitergeben kann?

Das ist das nächste Problem. Bleiben wir mal beim Fußball: Da ist der Profi also genesen, aber muss beim Verlassen seines Hauses höchste Sicherheitsvorkehrungen treffen. Er muss sich vollkommen desinfizieren, weil er ja durch den Kontakt auf der Türklinke zum Beispiel als Virusträger (auf der Haut/d. Red.) gilt, wenn seine Frau evtl. noch in der Quarantänezeit ist. So etwas muss man wissen, denn es wird jetzt aktuell. Erst seit Kurzem gibt es in Deutschland die ersten Genesenen. Und die können über die Haut, den Kontakt zu Familienmitgliedern in Quarantäne hatten, auch andere anstecken.

Stimmt es, dass das Virus durch wärmere Temperaturen eingedämmt werden könnte?

Das kann man heute so noch nicht sagen. Es gibt Erkenntnisse, dass das Virus nicht so thermolabil ist wie erwartet. Bei Influenza-Viren ist es so, dass sie durch Temperaturen und UV-Strahlung abgetötet werden. Im Fall von Corona ist das Hypothese und kann derzeit nicht belegt werden. Man muss ehrlicherweise sagen, dass es möglicherweise umgekehrt ist. Denn die Zahlen in Brasilien gehen dramatisch in die Höhe – obwohl es dort richtig warm ist im Moment. Das Virus scheint die Wärme besser zu vertragen als vermutet. Den Langzeiteffekt kennen wir noch nicht.

Ist selbst die reguläre Durchführung von Olympischen Spielen und der Fußball-Europameisterschaft 2021 nicht sicher?

Ein Jahr Gewinn bringt natürlich sehr viel. Man hat bis dahin womöglich Medikamente oder den Impfstoff, die die Infektionsrate runterfahren. Nur mit dieser Entwicklung hängt ein realistischer Termin zusammen. Denn wenn ich den habe, habe ich eine Sicherheit. Die Verschiebung war 100-prozentig richtig. Wir können immerhin darauf hoffen, bis dahin alles wieder regulär stattfinden lassen zu können.

Einige Bundesligisten trainieren nun in kleinen Gruppen. Sollte man das einstellen?

Wenn man den aktuellen Stand der Infektionen und die Kurve sieht, ist das überhaupt nicht tragbar im Moment. Sport sollte aktuell nur mit Familienmitgliedern stattfinden, auch im Profitum. Übrigens: Die Chinesen durften auch das nicht mehr, nicht mal alleine vor die Tür gehen. Die Versorgung wurde durch lizenzierte Fahrer übernommen. Das ist der Worst Case.

… der auch in Deutschland vorstellbar ist?

In der Wissenschaft nimmt man solche Szenarien natürlich in Betracht, denn man muss alle Eventualitäten durchspielen. Ich finde es gut, was Herr Söder hier durchgesetzt hat. Aus wissenschaftlicher Sicht aber wirkt es im Moment so, als sei es nicht genug. Das Ergebnis der ersten Maßnahmen wird man wohl Anfang kommender Woche sehen. Und dann muss man weiter entscheiden, was passiert. Wenn es nichts geholfen hat, muss man noch eine Stufe höher gehen. Dann darf man nicht mal mehr zum Einkaufen gehen.

Da möchte aber wohl noch niemand drüber nachdenken.

Und trotzdem ist es wichtig, die Leute auch darüber aufzuklären. Dass sie wissen: Was wäre wenn? Es gibt einen Notfall-Plan, den muss es ja geben. Man muss nicht apokalyptisch sein. Die Chinesen haben es auch überstanden, die Südkoreaner auch. Und wir werden es auch überstehen.

Interview: Hanna Raif

Artikel 3 von 11