Tausendundeine Nacht in der Macho-Welt

von Redaktion

Einzige Spielerberaterin Deutschlands, aus einer persischen Königsfamilie: Das märchenhafte Leben von Dr. Samira Samii

VON DANIEL MÜKSCH

München – Ein Treffen mit Dr. Samira Samii ist anspruchsvoll. Was ihren Gegenüber erwartet: Eine attraktive junge Frau, deren Biografie so viele Klischees und Vorurteile wecken, die mehr über das stereotype Denken ihrer Mitmenschen verraten als über ihren steinigen Aufstieg in einer Männerdomäne.

Samii stammt aus einer der mächtigsten Dynastien Persiens. Die Seite ihrer Mutter war über Generationen die alleinherrschende Königsfamilie. Eine echte Prinzessin aus „Tausendundeine Nacht“. Doch sie hat sich gegen den „Beruf Prinzessin“ entschieden. Heute arbeitet sie als einzige Beraterin im deutschen Profi-Fußball.

Um nicht sofort in der Macho-Falle zu landen, lautet die erste – scheinheilige – Reporterfrage: „Welche Klischee-Frage hören Sie am meisten?“ Die Prinzessin nimmt es gelassen. Es gibt nichts, was sie in ihrem Triumvirat aus Herkunft-Äußeres-Beruf noch nicht gehört hat. „Wahrscheinlich: Wissen Sie überhaupt, was Abseits ist?“, antwortet sie und wirkt äußerst entspannt. Dinge nicht zu persönlich nehmen, diese Gabe hilft ihr nicht nur bei ungelenken Reporterfragen, sondern auch im Testosteron-Revier Profi-Fußball. Anfangs hätte sie solche Fragen noch ernst genommen und Regeln über passives oder aktives Abseits zitiert, sagt sie: „Heute lache ich so etwas weg. Mich kennt in der Branche inzwischen sowieso fast jeder, sodass solche Sticheleien weniger werden“, berichtet die begeisterte Tennisspielerin, die vor über zehn Jahren ihre Karriere als Spielerberaterin startete.

Schon im Kindesalter ist der Fußball im Hause Samii immer präsent. Ihre ganze Familie – auch die Frauen – sind Fußball-Fans. Es bleibt nicht nur bei der Liebe auf Distanz. Ihr Vater, Prof. Dr. Hossein Samii, zählt zu den renommiertesten Augenchirurgen der Welt. Viele Sportstars vertrauen sich ihm an. Als Sechsjährige sitzt seine Tochter auf dem Schoß von Diego Armando Maradona. Später lernt sie das größte Kicker-Idol ihrer persischen Heimat persönlich kennen: Ali Daei. Der Ex-Bayern-Star ist ebenfalls Patient bei ihrem Vater. „Ali hat für uns die Bedeutung wie Franz Beckenbauer in Deutschland. Seine Geschichten haben mich fasziniert. Diese Fußball-Welt wollte ich kennenlernen“, erinnert sich die Sport-Managerin.

Der Anfang war hart. Ihr Familienname öffnet Türen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine bizarre Mischung aus Kicker-Klüngel und Sexismus. Plumpe Anmachen und widerliche Sprüche der männlichen Fußball-Elite hört sie unentwegt – bis heute. „Da hat sich leider nicht viel geändert. Noch immer bekomme ich eindeutige Nachrichten von Bundesliga-Managern zehn Minuten nachdem wir einen Deal abgeschlossen haben.“ Mit der Zeit hat sie sich „ein dickes Fell“ zugelegt. Anstatt sich zu beklagen, besinnt sie sich auf ihre Stärken. „Viele männliche Kollegen denken: Das Geschäft wird nur über Zahlen definiert“, beschreibt sie die Vorteile ihrer weiblichen Ausnahmestellung, „vor dem Deal kommt jedoch die Emotion. Man braucht ein emotionales Gespür und emotionale Intelligenz, um einen Spieler zu verstehen. Da habe ich als Frau Vorteile.“

Ein weiterer Trumpf liegt in ihrer Internationalität. Während sich manche Berater Dolmetscher und globale Kontakte mühsam aufbauen oder einkaufen müssen, vereint Samii unterschiedlichste Sprachen und Mentalitäten in einer Person. Sie ist in Persien geboren. In Südfrankreich und Nordamerika aufgewachsen. Ihren MBA in Sport-Management hat sie in Deutschland und Kanada absolviert. Deutsch, Englisch, Persisch, Spanisch, Italienisch und Französisch spricht sie fließend.

Mit diesem Portfolio kann sie verschiedenste Fußballmärkte gleichzeitig bedienen. „In der Premier League wird anders verhandelt als in Deutschland. Oder in Spanien. Für die arabische Welt gelten noch einmal ganz andere Business-Regeln. Man muss ein Gespür für die Mentalität des Landes entwickeln, um dort Geschäfte machen zu können“, sagt die gebürtige Perserin mit Büro am Starnberger See.

Durch ihr breites Netzwerk vertritt sie Spieler weltweit. Zu ihren berühmtesten Klienten zählt James Milner, Musterschüler von Jürgen Klopp und Champions League-Sieger mit dem FC Liverpool. Der Spieler mit dem höchsten Marktwert in ihren Reihen ist Pablo Sarabia. Der Markwert des spanischen Nationalspielers von Paris Saint-Germain wird auf 35 Millionen Euro taxiert. In Deutschland berät sie unter anderem die FC Bayern-Legenden Lothar Matthäus und Klaus Augenthaler. Laut „transfermarkt.de“ betreut ihre Agentur derzeit 25 aktive Profis. Vom AS Monaco, über den PSV Eindhoven bis nach Atlanta in die MLS. So exotisch Samira Samii ist, eines verbindet sie mit all ihren männlichen Kollegen: dass ihr Berufsstand allgemein kritisch gesehen wird.

Geldgierige Gestalten, die nur das eigene Bankkonto im Sinn haben, ohne an das Wohl ihrer Spieler zu denken – diese Schablone für ihre Zunft kennt sie allzu gut. Und sie verleiht ihrem Metier keinen Blankoscheck: „Es gibt schwarze Schafe. Die angeln sich einen Spieler und wollen mit ihm aussorgen. Dafür versuchen sie, ihn immer wieder für immer mehr Geld zu verkaufen“, sagt Samii.

Dies sei aber glücklicherweise die Ausnahme. Nichtsdestotrotz beobachte sie, wie die Branche sich in den letzten Jahren verändert: „Große Vertragsabschlüsse werden meist in einer Gruppe eingefädelt, bei der jeder Einzelne seine speziellen Kontakte nutzt. Die Summen klingen zunächst gigantisch. Die Provision teilt sich dadurch aber in der Regel unter allen beteiligten Beratern auf.“

Für sie und ihre Kollegen bleiben festgelegte zehn Prozent vom Jahresgehalt ihrer Klienten. Verständnis hat sie, dass Fans für den entfesselten Kapitalismus im Profi-Fußball kaum noch Verständnis haben. „Den Vereinen kann man aber keine Vorwürfe machen“, meint sie, „viel mehr müssen FIFA und UEFA klare Spielregeln setzen.“ Sie plädiert für eine Gehaltsobergrenze – ähnlich wie der „Salary Cap“ in den US-Profi-Ligen.

Immer größere Bedeutung gewinnen die sozialen Medien für ihr Geschäft – wobei Samii einschränkt: „Wirklich viel Geld mit Social Media verdienen nur Superstars wie Cristiano Ronaldo. Mit seinen über 200 Millionen Followern generiert er mit Netwerken wie Instagram genauso viel Geld wie mit seinem Fußballer-Gehalt.“

Durch die Glitzerwelt des runden Leders – verbunden mit ihrer Familien-Geschichte – ist Samii inzwischen selbst eine Person von öffentlichem Interesse. Auf Instagram folgen ihr über eine Million User. Solche Zahlen bleiben nicht unentdeckt. Aber Anfragen für TV-Formate wie „Das perfekte Promi-Dinner“ oder „Promi Shopping Queen“ lehnt sie grundsätzlich ab: „Damit würde ich meine mühsam erarbeitete Seriosität mit einem Schlag zerstören.“ Sich selber sieht sie noch lange im Fußball-Business. Allerdings kann sie sich durchaus einen Seitenwechsel vorstellen: „Ich würde gerne die erste Sportdirektorin in der Bundesliga werden.“

Damit würde sie wieder in unbekannte Gefilde vorstoßen. Aber damit kennt sich Dr. Samira Samii ja aus.

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