Wettkampf auf der zweiten Ebene

von Redaktion

Absagen, aber auch steigendes Interesse: Was die Corona-Krise für den eSport bedeutet

VON GÜNTER KLEIN

München – Stillstand in der Welt des Sports. Als wegen der Corona-Krise Stadien, Hallen, Vereinsheime schlossen, hieß es allerdings auch: Jetzt müsste die Stunde des eSports schlagen. Weil er ja keine Stadien, Hallen, Vereinsheime braucht. Gedaddelt wird doch übers Internet, und das kann jeder für sich allein tun.

Jedoch, so ist es nicht. „Auch der eSport lebt davon, dass Menschen zusammenkommen und ihre Begeisterung teilen, in Arenen, in Stadien“, sagt Hans Jagnow. Der Berliner ist Präsident des 2017 gegründeten ESport Bund Deutschland e.V. (ESBD), der sich auch als Ansprechpartner für die Politik und die klassischen Sportverbände versteht. Es wird ja weiter diskutiert: Ist eSport überhaupt etwas, das mit dem etablierten Begriff Sport abgedeckt wird? Sind nur Sportsimulationen wie FIFA akzeptabel oder auch Spiele, bei denen geballert wird?

Jedenfalls: Den eSport gibt es durchaus auch offline und in der Form, dass Fans in Riesenhallen gehen, wenn dort Turniere etwa in „League of Legends“ stattfinden. „Eine Million Online-Zuschauer“, sagt Hans Jagnow, „sind eine nicht so greifbare Größe wie eine vollbesetzte Lanxess-Arena in Köln. Die fällt aber nun ersatzlos weg.“

Die üblichen Coronamaßnahmen treffen also auch den eSport. Ein großes Turnier im polnischen Kattowitz musste ohne Vor-Ort-Zuschauer stattfinden, ein Event der deutschen Firma ESL in Brasilien aufs Jahresende verschoben werden, Ligen in Europa pausieren, auch weil viele Spieler aus Asien, wo der eSport noch viel etablierter ist, schon aufgrund der Reisebeschränkungen pausieren. Ganz zum Erliegen gekommen ist der Betrieb aber nicht.

„Unsere Besonderheit“, erklärt Präsident Jagnow, „und der Unterschied zum traditionellen Sport ist, dass wir eine zweite Ebene haben.“ Man kann sich eben auch im virtuellen Raum treffen.

Das macht derzeit nicht nur der eSport. In der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL verlegten die Montreal Canadiens ihr abgesagtes Spiel gegen die Anaheim Ducks einfach auf die Playstation. 3:1 für Montreal, über 30 000 Zuschauer verfolgten den Livestream. Oder Boxen: Dort treten gerade die Schwergewichts-Champions vergangener Zeiten gegeneinander an. 150 000 Interessierte schauten zu, wie Muhammad Ali Evander Holyfield in der fünften Runde ausknockte.

Das schafft Aufmerksamkeit für den eSport. Hans Jagnow sieht darum auch die Chancen: Es sei gerade alles umgekehrt im Sport, das Zusammenrücken werde nicht gewünscht. „Wir schaffen Sozialräume unter der Maxime des Abstands. Und eine Gemeinschaft in Zeiten, in denen Grenzen geschlossen sind und man sich nicht von einem Land ins andere bewegen kann. Wir sind ein hochinternationales Phänomen.“ Und eSport passe zur digitalisierten Zukunft. Jagnow: „Es war auch erst der von der Bundesregierung unterstützte ,Hackathon’ unter dem Motto ,Wir gegen den Virus’, bei dem sich 40 000 Menschen zusammenschalteten.“

Natürlich muss auch der eSport schauen, wie er nun über die Runden kommt. „Auch bei uns geht es um Arbeitsplätze, und wir sind abhängig von der Gesamtwirtschaftslage.“ Mittlerweile haben die meisten Fußball-Bundesligisten eSport-Abteilungen, Hans Jagnow hofft, dass sie nicht als Erste von Sparmaßnahmen betroffen sein werden. „Das ist der einzige Betrieb, der noch läuft – und ein Zukunftsfeld.“

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