Sie kommen ja derzeit überall daher, die „guten“ Nachrichten, die diese Krise mit sich bringt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein positiver Mensch und freue mich über gute Nachrichten, aber manches ist doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Für mich braucht es keine Krise, um mich mit meiner Familie zu beschäftigen, zu kochen oder meinem Sohn vorzulesen. Nur tatsächlich, so paradox es klingt, hat es diese Krise geschafft, dass ich wieder regelmäßig mit der Gruppe Sport treibe, mit der ich es am liebsten tue. Die „Turn-Mädels“ schwitzen so viel wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.
Nein nein, wir verabreden uns nicht in einem Fitnessstudio oder an der frischen Luft. Und wir treffen uns auch nicht an unserem Lieblingsplatz, der Turnhalle in Unterföhring, in der wir seit den 90er-Jahren am Stufenbarren hingen, über den Schwebebalken balancierten und den einen oder anderen Pokal gewannen. Das ist verboten, daran halten wir uns. Wir machen deshalb das, was man als „Corona-Trend“ bezeichnen kann: Virtuell vernetzten Sport. Und zwar: Jeden Tag.
Um 17.30 Uhr wird das I-Pad aufgebaut, dann geht es los. Cardio, Bauch, Beine, Po – unsere Trainerin von damals ist die „Drill Instructorin“ von heute. Sie sagt an, alle machen mit. Wahlweise mit ein bis zwei Kindern auf dem Arm, auf dem Rücken oder Bauch. Ab und an ist auch ein Ehemann dabei. Irgendwas ist immer – aber alle ziehen durch.
Die Bilanz von Woche eins: Viel Spaß und Muskelkater, aber kein Motivationsverlust. Wir sind nicht mehr ganz so grazil wie zu unseren besten Zeiten, haben die Samt-Turnanzüge gegen ein Fitness-Outfit getauscht. Aber haben so viel Freude miteinander, dass wir uns auch noch abends zum Wein treffen. Virtuell natürlich. Eine Dame hatte dort doch tatsächlich die Dreistigkeit, einen Regenerations-Tag vorzuschlagen. Schnelles Veto! Weiter, immer weiter. Und ein Termin, auf den man sich täglich freut: Das ist doch eine echt gute Nachricht! HANNA RAIF