Englische Superquarantäne

Grauslige Idee – mit Potenzial

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Wir reisen jetzt mal in ein gefühlt fernes Jahr. Zu Szenerien, die wir aus Science-Fiction-Filmen kennen. Die Welt wie in Mad Max, Bladerunner oder Panem nach einem Atomschlag oder sonstiger Verseuchung. Was die Menschen immer brauchen in der Not: Unterhaltung, Ablenkung, eine Parallelwelt, in die sie entfliehen können. Das erfolgreichste Format des Prinzips Brot und Spiele ist der Fußball. Vielleicht muss er in hundert Jahren in einem Labor gespielt werden, unter klinischen Bedingungen. Zuschauer braucht es dann nicht mehr, mit audiovisuellen Mitteln wird man eine perfekte Täuschung von Atmosphäre schaffen können.

Womöglich wird aber unser jetziger Fußball für einige Zeit so aussehen. Eine reine TV-Inszenierung, aufgenommen an einem abgelegenen Ort. In England, wo der Fußballbetrieb am meisten umsetzt und daher derzeit am meisten verliert, wurde die Idee geboren, die Saison der Premier League unter einer Art Superquarantäne zu Ende zu bringen. Konkrete Durchführung: Alle Teams und diejenigen, die für den Spielbetrieb systemerhaltend sind, an einen abgeschotteten neutralen Ort verfrachten, für sie eine eigene Infrastruktur aufbauen und das Programm durchpeitschen, weil die vollständige Isolation der Beteiligten nicht lange durchzuhalten wäre, ohne dass sie dem Wahnsinn anheimfallen würden.

Das alles klingt verwegen, gar grauslig, und man fragt sich, ob man im dicht bevölkerten England überhaupt die räumlichen Voraussetzungen dafür findet – und doch muss man das Potenzial des Gedankens sehen. In einer Situation, wie es sie noch nie gab, sind kreative Lösungen gefragt – zumindest für den Zeitraum, in dem Ausnahme- vor der -situation steht. Das volle Programm, das wird jeden Tag klarer, kann es so schnell nicht geben, daher muss man sich mit einem Notangebot behelfen, will man das Brot und Spiele des 21. Jahrhunderts erhalten. Heute tagen die 36 deutschen Proficlubs – und gewiss werden auch sie über England sprechen. Wir denken schon mal voraus, wo die Bundesliga ihr Saisonendturnier austragen könnte. Mecklenburg-Vorpommern (ist ja schon gut abgeriegelt), Großflughafen Berlin (leer), Weißrussland (dort wird gespielt, mit Zuschauern).

Klar ist nur: Nach Corona und den Virologen wird die Zeit der Orthopäden kommen. Das geballte Programm wird nicht jeder 2020er-Fußballerkörper verkraften.

Guenter.Klein@ovb.net

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