München – Bernie Ecclestone (89) hat mehr Zeit zum Nachdenken als sonst. Der Mann, dem einst die Formel 1 gehörte, lebt auf seiner großen Farm vor den Toren Sao Paulos. Die ehemalige Kaffeeplantage, deren Fläche gerade so in den Bodensee passen würde, ist vom Staat total abgeriegelt wurden. Keiner kommt rein, keiner raus. Es sei denn zum Einkaufen. Im Notfall mit dem Helikopter.
„Ich habe wenn überhaupt ein Luxusproblem,“ ist er sich bewusst, „ich muss keine Angst vor dem Virus haben.“ Der kleine Brite, der seit einem Jahr einen modischen Bart trägt, der ihn so vital aussehen lässt, als wäre er in einen Jungbrunnen gefallen, hat immer noch keine Angst. Weder vor dem Tod, noch vor dem Leben. Eigentlich fühlt er sich unverwundbar, seit direkt neben ihm im Zweiten Weltkrieg auf einem englischen Acker eine deutsche Fliegerbomber explodierte und er, noch ein Kind, das gerade Kartoffeln ernten war, wundersam noch nicht mal einen Kratzer abbekam. Wenn er was gelernt hätte im Leben, dann das: „Man muss sich so schnell wie möglich mit den Begebenheiten abfinden, die man nicht beeinflussen kann, und versuchen das Beste draus zu machen.“
Er hätte sich erst daran gewöhnen müssen, sich über einen so langen Zeitraum mit sich selbst beschäftigen zu müssen. „Aber,“ sinniert er, „das ist kein Problem. Es gibt auf der Farm immer etwas zu tun. Und ich habe noch nie so viel über Verhaltensweisen von Hühnern gelernt.“ Was ihm besondere Freude macht: „Wenn mich früher Freunde besucht haben, schickte ich sie morgens immer zum Eiersammeln, um unser Frühstück zu besorgen. Jetzt mache ich das selbst.“
Auch in der Isolation lässt ihn die Formel 1, sein Lebenswerk, nicht los. Was er den neuen Chefvermarktern vom US-Medienkonzern Liberty raten würde? „Die glauben zu wissen, was sie tun,“ sagt Ecclestone, „aber die Formel 1 hat eine europäische DNA. Du kannst sie und ihre Protagonisten nicht so führen, als wäre es Football oder Basketball.“ Einen Skandal wie das private Abkommen zwischen der Automobilbehörde FIA und Ferrari hätte er auch nie zugelassen.
Was er seinem früheren Backgammon-Gegner Sebastian Vettel raten würde? „Ich denke, dass Sebastians Leistungen unter der Ferrari-Konstellation mit dem neuen Teamkollegen Charles Leclerc gelitten haben“, so Ecllestone. „Sebastian sollte deshalb aufhören oder sich nach Alternativen für 2021 umsehen. McLaren, dann wieder mit Mercedes-Motoren, könnte eine sein.“ RALF BACH