Die Frau mit der Udo-Kießling-Karriere

von Redaktion

Andrea Lanzl hält nun den Länderspielrekord im deutschen Eishockey – Liga ohne Meister

VON GÜNTER KLEIN

München – Wenn die Corona-Krise im Sport wirklich jemanden zur absoluten Unzeit erwischt hat, dann die Eishockey-Frauen aus Planegg-Würmtal und Memmingen. Die hatten die Finalserie um die Deutsche Meisterschaft gerade aufgenommen, als die Saison abgebrochen und für beendet erklärt wurde. Planegg führte 1:0 und hätte noch einen Sieg benötigt oder Memmingen zwei. Ein Wochenende fehlte.

„Ich finde das für die Mannschaften sehr schade“, sagt Andrea Lanzl. Sie spielt für den ERC Ingolstadt, der im Halbfinale ausgeschieden war. Aber wie man es anders hätte machen können in der Finalfrage? „Ich bin da auch zwiegespalten.“

Auf der einen Seite: Ein nationales Finale der Frauen ist keine Massenveranstaltung, man hätte sie im damals gültigen Rahmen der politischen Verordnungen (weniger als tausend Zuschauer) über die Bühne bringen können. Andererseits, so denkt Andrea Lanzl, „hätte es geheißen: Bei den Frauen kommt es nicht so drauf an.“ Und das hätte die Sparte herabgewürdigt.

Andrea Lanzl, 32, ist die Stimme im deutschen Frauen-Eishockey. In dieser Saison ist sie zur Rekordlerin geworden. Sie steht bei 322 Länderspielen und zog vorbei an Udo Kießling, der bei den Männern 320 Mal im Einsatz war.

Kann man das vergleichen? Die Karrieren sind sich nicht unähnlich. Kießling spielte 19 Jahre in der Nationalmannschaft, er debütierte mit 17. Bei Andrea Lanzl ging es 2002 los, damit sind es 18 Jahre. Und es wären normal weitere Spiele dazugekommen bei der WM 2020 in Halifax. Beginn wäre vorgestern gewesen. Aber auch hier gilt: Gestrichen, ersatzlos. Andrea Lanzl hat, als am 7. März die Absage kam, überlegt, „ob ich meinen Urlaub vorziehen soll“. Doch selbst diese Option verfiel.

Das Leben bietet auf einmal Zeit im Übermaß, und deshalb kann man auch auf Karrieren blicken, die sich dort abspielen, wo die Medien nicht jede Ecke ausleuchten. Andrea Lanzl. gebürtige Starnbergerin, wurde mit 14 Nationalspielerin. Gut, dass sie die ältere Schwester Michaela an ihrer Seite wusste, sonst wäre das schwerer gewesen, sich in einem Team zurechtzufinden, „in dem schon über Kinderkriegen und Familienplanung gesprochen wurde“.

Andrea Lanzl führt eine neue Generation von Spielerinnen an. Sie wächst in Mannschaften mit Jungs auf, in Geretsried, in Düsseldorf. Doch übers 18. Lebensjahr hinaus darf sie nicht mitmachen. Die männlichen Teamkollegen bereiten sich auf eine Karriere im Männerbereich vor, für sie bleibt die Frauen-Bundesliga.

In der sind die Leistungsunterschiede krass. „Im Frauen-Eishockey trifft Hobby- auf Leistungssport“, erklärt sie. Das ergibt sich aus der Struktur. Sie etwa hat eine der mittlerweile 15 Sportsoldatinnenstellen bei der Bundeswehr, sie kann Eishockey professionell betreiben. Die Mehrzahl der Spielerinnen studiert oder ist klassisch berufstätig. Spieltage sind immer Samstag und Sonntag, geografisch weiter auseinander liegende Clubs absolvieren dann immer beide Heim-/Auswärtsspiele auf einen Streich – weil es preisgünstiger ist. Echten Wettbewerb bietet nicht jedes Spiel, nach manchem zweistellig gewonnenen hat Andrea Lanzl sich schon gedacht, „dass es besser gewesen wäre, wenn wir intensiv trainiert hätten“. Das kommt in der Frauen-Bundesliga vor: Dass die schwächsten Teams eine Saison punktlos beenden. Oder – wie 2019/20 geschehen – aussteigen. Tat die Düsseldorfer EG.

Mit sieben Teams ist die Bundesliga noch zu groß, der Deutsche Eishockey-Bund strebt eine Verknappung an, dafür soll der Unterbau gestärkt werden. Eigentlich sind die Entwicklungen ja positiv im Frauen-Eishockey. Der Tölzer Peter Kathan, der lange Bundestrainer war, hatte bei der Nationalmannschaft eine Lebensaufgabe gefunden, er trieb viele sportpolitische Entwicklungen voran. Sein Nacholger Benjamin Hinterstocker erreichte 2017 mit Platz vier (Andrea Lanzl: „Da hat alles gepasst“) das beste WM-Resultat. Seit einem Jahr ist Christian Künast der Cheftrainer der Frauen. Der frühere Nationaltorwart war ehrlich, sagte zum Amtsantritt, dass er die Stelle nicht angestrebt habe. Aber er fand Gefallen an dem Job und kommt bei den Spielerinnen gut an.

International sind die Finninnen stark geworden, 2019 waren sie dem WM-Titel nahe. Führend aber nach wie vor Nordamerika mit USA und Kanada. Auch Andrea Lanzl hat versucht, dort zu spielen, das Vollstipendium der University Minnesota für vier Jahre war zugesichert – doch die NCAA, die College-Liga, lehnte die Aspirantin Lanzl ab: Zu wenig Mathematik-Jahre auf dem Weg zum deutschen Fachabitur. Ihre Auslandserfahrung beschränkt sich somit auf ein Gastspiel in Schweden.

Professionelles Frauen-Eishockey hat es selbst auf dem Kernmarkt Nordamerika schwer. Die NHL ließ bei den All-Star-Events zwar die besten Frauen außer Konkurrenz bei den Skills Competitions starten, eine Liga will sie aber nicht unterstützen.

Die Rekordnationalspielerin Andrea Lanzl musste um ihre Karriere härter kämpfen als viele Männer. Auch ihre familiäre Situation war sehr fordernd. Als sie zehn war, starb ihre Mutter, als sie achtzehn war, der Vater. Ein wichtiger Förderer wurde für sie Rainer Nittel, Bundestrainer bis 2002 (Lanzl: „Ich durfte bei ihm schon als Gastkind mit aufs Eis“), mit seinem Netzwerk. Sie ist über kritische Phasen hinweggekommen. Und hat Karriere gemacht. Eine große. Und sie geht ja noch weiter. Irgendwann, wenn gespielt wird und es wieder Deutsche Meister gibt.

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