Grenzerfahrung im ewigen Eis

von Redaktion

Als erste Frau: Die Deutsche Anja Blacha fuhr auf Skiern von der Berkner-Insel 1381 Kilometer bis zum Südpol

München – 58 Tage in den unendlichen Weiten der Antarktis auf sich allein gestellt, umgeben von nichts als dem ewigen Eis. Die Temperaturen sinken auf minus 35 Grad, durch ein Unwetter bläst der Wind den Schnee mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern ins Gesicht. Bei den meisten Menschen löst bereits die reine Vorstellung Todesangst aus, nicht aber bei Anja Blacha. Die gebürtige Bielefelderin legte bei ihrer Expedition von der Berkner-Insel am Rand des Polargebiets bis zum Südpol auf Skiern eine Strecke von rund 1400 Kilometern zurück

Damit ist die 29-Jährige die erste Frau, die diese Route alleine und ohne jegliche Unterstützung bewältigen konnte. Wir schreiben den 14. November. Einen Tag ist Anja Blacha bereits unterwegs, als sich eine dunkle Wolkendecke über der Antarktis bildet. Ein mehrere Tage andauerndes Schneegestöber verhindert das Zurücklegen größerer Distanzen – die erste Hürde für die Extremsportlerin. „Es war schwierig einzuschätzen, ob es eigene Schwäche ist oder dem Unwetter geschuldet“, schildert Blacha ihre Gedanken, „aber es hat mir auch ein Erfolgserlebnis beschert, weil ich mich nicht habe kleinkriegen lassen.“ Das Aufstellen des Zelts hatte sie im Vorhinein zur Genüge geübt. „Es ging sehr schnell. Man muss jeden Griff blind beherrschen“, erklärt sie. Und die Unterkunft so aufbauen, „als wäre das Wetter ruhig.“

Trotz des erschöpfenden Beginns konnte sich Blacha jeden Tag aufs Neue motivieren. „Die Beine werden schwerer“, erzählt sie. „An manchen Tagen wäre ich am liebsten im Zelt geblieben und hätte gar nichts gemacht, aber das geht natürlich nicht.“ Für so lange Zeit auf sich allein gestellt zu sein, empfand die Wahl-Schweizerin, die in Zürich lebt, nicht als negativ. „Ich bin eher der introvertierte Typ“, sagt Blacha, die ihrer Schwester regelmäßig ein Lebenszeichen zukommen ließ. „Ich brauche keinen Trubel um mich.“ Ganz ohne Beschäftigung kam sie aber nicht aus. „Irgendwann ist man mit seinen Gedanken am Ende, weil es keine neuen Impulse mehr gibt“, schildert sie.

Ablenkung fand sie im Kopfrechnen. „Wie viele Stundenkilometer lege ich zurück, wie viele Minuten Pause habe ich gemacht, wie viel Brennstoff habe ich noch?“, lauteten ihre Denksport-Aufgaben. Auch Musik und Podcasts halfen dabei, die langen Tage zu überstehen. Acht bis zehn Stunden navigierte sie sich täglich mit Hilfe von im GPS-Gerät eingespeicherten Wegpunkten und einem Kompass Richtung Süden. Doch Zeit ist im antarktischen Sommer relativ. Denn dunkel wird es zu dieser Jahreszeit nie. „Ich habe irgendwann angefangen, 26- oder 27-Stunden-Tage zu machen, um mein Pensum zu schaffen“, erzählt Blacha. Am 9. Januar, nach 58 Tagen, erreichte sie als erste Frau alleine und ohne Hilfe über diese Route den Südpol.

Als „eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung“, beschreibt sie ihre Gefühlslage bei der Ankunft. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur 1381 Kilometer zurückgelegt, sondern auch Höhenunterschiede von knapp 2800 Metern überwunden. Dabei kam ihr zugute, dass sie bis zu diesem Winter vor allem in den Gebirgen der Welt zuhause war. Die Idee mit der Südpol-Expedition, deren Kosten sich auf einen sechsstelligen Betrag belaufen, kam ihr, als sie 2017 den Mount Vinson (4892 m), den größten Berg der Antarktis, bestieg. Innerhalb von nur 26 Monaten hatte Blacha zuvor die höchsten Gipfel der übrigen sechs Kontinente erklommen. Sie ist die jüngste Deutsche, der das gelang und die jüngste deutsche Frau, die es auf die Spitze des Mount Everest (8848 m) geschafft hat.

Zurücklehnen stand für die Abenteurerin trotz dieser Rekorde nie zur Debatte. Doch was macht man, wenn man alles erreicht hat, was man sich als Bergsteiger erträumen kann? „Ende 2019 wollte ich noch mal eine größere Expedition machen, etwas Neues sehen“, erklärt Blacha. Unheimlich viel Zeit habe sie in die Vorbereitung investiert, erzählt sie. Die „Antarctic Logistics & Expeditions“ unterzog die Mitarbeiterin eines Telekommunikationsunternehmens einer umfangreichen Prüfung. „Ich musste eine ganze Reihe an Qualifikationen nachweisen“, erinnert sie sich.

Die Ausrüstung musste den Sicherheitsstandards entsprechen, gleichzeitig sollte das Gewicht aber so gering wie möglich gehalten werden. „Was, wenn etwas kaputt geht? Was muss ich zweimal mitnehmen, auf was kann ich verzichten?“, fragte sie sich. 110 Kilo brachte ihr Gepäck schließlich auf die Waage. Die Ausrüstung war auf einem Schlitten befestigt, den sie hinter sich herzog. Um dem enormen Energieverbrauch entgegenzuwirken, musste sie einen umfassenden Ernährungsplan erstellen. Ihr Proviant bestand aus getrocknetem Obst, Proteinshakes, Nüssen und Kokosnussmilchpulver. Die Tage nach ihrer Rückkehr verbrachte Blacha bei ihrer Schwester – ihrer einzigen Kontaktperson während der Expedition.

In ihrer Heimat genießt sie die Ruhe und lässt das Abenteuer gedanklich Revue passieren. Gerne würde sie die zahlreichen schönen Momente ihrer Südpol-Expedition ein weiteres Mal erleben –mit dem Wissen, ihr Ziel bereits erreicht zu haben.

JULIAN NETT

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