München – Es war freilich eher Zufall als Kalkül, was sich die Macher des clubeigenen TV-Senders am Freitagabend für ein Programm ausgedacht hatten. Aber im Nachhinein muss man sagen: Sie hätten es besser nicht machen konnten. Zu dem Zeitpunkt nämlich, als die Pressemitteilung mit dem Titel „FC Bayern verlängert mit Cheftrainer Hansi Flick“ verschickt wurde, lief auf der Homepage des FC Bayern eine Partie im Re-Live. Sie hatte stattgefunden am 25. April 2012 und endete mit 4:3 nach Elfmeterschießen sowie dem Einzug ins Finale der Champions League. Der FC Bayern zu Gast bei Real Madrid. Ein Wahnsinns-Spiel mit einer einprägsamen Schlussszene: An der Seitenlinie jubelte Jupp Heynckes.
Der Name Heynckes und die Jahre 2012 bis 2013, sie sind ja so etwas wie der vereinsinterne Maßstab, wenn es um geeignete Trainer und die Entwicklung zu einem perfekt eingestellten Team geht. Das galt für die bisherigen Nachfolger des Triple-Coaches – also Pep Guardiola, Carlo Ancelotti und Niko Kovac. Es gilt aber noch mehr für den Mann, der die Bayern-Stars nun offiziell bis 2023 führen soll. „Er erinnert mich durchaus an Jupp“, sagte Karl-Heinz Rummenigge noch am Freitagabend der „Bild“ und führte fort: „Besonders dieser empathische Umgang mit der Mannschaft zeichnet beide aus.“ Und genau dieser war es auch, der den Vorstandsvorsitzenden sowie den Rest der Bayern-Bosse in den vergangenen Monaten zur Erkenntnis gebracht hat, dass Flick nach gelungenen (Guardiola) und weniger gelungenen (Ancelotti, Kovac) Experimenten auf der Trainerbank der richtige Mann zur richtigen Zeit ist.
Heynckes meldete sich gestern, mit diplomatischen Worten und Sätzen wie „kluge Entscheidung“, „idealer Trainer“ und: „Seine Qualitäten sind Fachkompetenz, Menschenführung in allen Bereichen, Seriosität, Solidität und eine ausgezeichnete Präsentation in der Öffentlichkeit.“ Es war eine der seltenen Wortmeldungen aus dem beschaulichen Schwalmtal, denn Heynckes überlegt sich sehr gut, wann, wo und wie er zitiert werden möchte. Die Causa Flick lag ihm da seit dessen Beförderung im Herbst am Herzen. Ersten Telefonaten mit Flick, der den Rat seines ehemaligen Trainers (1987 bis 1990) suchte und annahm, folgten klug platzierte öffentliche Aussagen sowie regelmäßige Anrufe in der Chefetage. „So langsam“, sagte Heynckes vor rund zweieinhalb Monaten, werde er mit seinem Anliegen erhört. Es lautete: Behaltet den Hansi! Er wird eine Ära prägen.
Wenn man mit Heynckes über Flick spricht, fallen Worte wie „sehr gut“ und „toll“, der 74-Jährige hält große Stücke auf den Weltmeister-Co-Trainer. Was er stets besonders betont, ist eine Eigenschaft, die Flick schon als Spieler ausgezeichnet hatte, Heynckes sagt, Flick sei immer „ein Teamplayer“ gewesen, bodenständig und bescheiden. Das mag in dieser Branche, in der extrovertierte Persönlichkeiten als „in“ gelten, vielleicht „out“ klingen. Heynckes aber sieht darin den Vorteil, den auch er in den späteren seiner vier Engagements in München hatte. Er war nicht auf sich konzentriert, sondern auf sein Team. Auf jeden einzelnen Spieler, den er in individuelle Triple-Form brachte.
Heynckes hat viele Gespräche geführt, er hatte seine Antennen stets ausgefahren. Er riet einem frustrierten Bastian Schweinsteiger, öffentliche Kritik abprallen zu lassen. Er merkte, wenn der Haussegen bei seinen Stars schief hing. Er überzeugte einen übermotivierten Arjen Robben, nach Verletzungen langsamer zu machen. Er wurde gehört, weil er geschätzt wurde. Und er war der lebende Beweis dafür, dass Grundtugenden selbst in diesem Geschäft wichtiger sind als Oberflächlichkeiten.
Wie die Partie ausging, die nach jener Nacht von Madrid folgte, ist bekannt. Heute aber sieht Heynckes das verlorene „Finale dahoam“ 2012 als Teil des maximalen Erfolges von 2013. Große Mannschaften müssen wachsen. Und Flick hat nun Zeit.