Mit „Startup-Mentalität“ aus der Krise

von Redaktion

Mental-Coach Kirchner sieht den Stillstand im Sport als Chance – für jeden

VON PATRICK REICHELT

München – Über diese Krise wurden ja schon viele plakative Vergleiche gezogen. Auch Steffen Kirchner hat ein schönes Bild parat. „Das Leben hat uns ein bisschen aufs Zimmer geschickt“, sagt der Vilsbiburger Mentalcoach. Man könnte das auch anders übersetzen: Nicht Corona ist das Problem, sondern die Folge daraus. Der kollektive Hausarrest.

Doch nicht zuletzt daraus ergibt sich die Frage: Wie geht man damit um? Wie etwa können sich der Sportler und der Sport im Allgemeinen fit halten für einen Saisonendspurt, der vielleicht nicht mehr kommt? Wie soll er sich in Form bringen für neue Wettbewerbsphasen, von denen niemand weiß, wann und wie sie beginnen? Eines ist klar: Klagen aus dem Profisport über die Auszeit und ihre Folgen hält Steffen Kirchner für unangebracht. „Die, die jetzt am lautesten schreien, wie etwa die Fußballer“, so findet der 37-Jährige, „sind doch die, die das geringste Problem haben.“

Gebot der Zeit sei es, die Krise und ihre Umstände anzunehmen und den Fokus auf die bestehenden Möglichkeiten zu legen. Kirchner hat das mit seinem zehnköpfigen Unternehmen längst getan. Er bietet seinen Kunden seine Dienstleistungen so weit als möglich nun eben digital an, über Videos.

Wer den richtigen Weg findet, der kann am Ende sogar von der Krise profitieren. Steffen Kirchner verweist dabei auf einen seiner Klienten. Auf Kicker Niklas Füllkrug nämlich. Der Bremer Stürmer hat in seiner Karriere immer wieder schwerere Rückschläge durch Verletzungen erlebt. Doch am Ende kam er meist gestärkt aus der Auszeit heraus. Weil Füllkrug seine Zwangspausen für Kopfarbeit genutzt hat, wie Kirchner betont: „Dadurch hat er immer wieder einen Schritt nach vorne gemacht.“ Und genau das sei auch jetzt gefragt. „Wie man trainiert und sich fit hält, das wissen die alle“, sagte er, „die Frage ist, wie du dich im Kopf entwickelst.“

Freilich ist der Ausnahmezustand kollektiv. Und das könnte die bestehenden Kräfteverhältnisse erheblich durcheinanderwirbeln. „Wer jetzt eine Art Startup-Mentalität entwickelt, der könnte am Ende stark profitieren“, sagt Kirchner. „Das wird nicht dazu führen, dass etwa ein FC Bayern nicht mehr oben steht, dafür fehlt mir die Fantasie. Aber die Karten werden sicher neu gemischt“, prognostiziert der Experte.

Wie das laufen könnte, hat Steffen Kirchner selbst auch schon im Sport gezeigt. Als Gesellschafter gestaltete er einst den Aufstieg der Roten Raben Vilsbiburg in die Spitze der Volleyball-Bundesliga entscheidend mit. Die Niederbayerinnen hatten nicht das meiste Geld. Aber sie konnten mit anderen Qualitäten werben. Das Umfeld war familiärer, das Training individueller, die medizinische Betreuung besser. Am Ende wurde Vilsbiburg sogar zum Anlaufpunkt für Nationalspielerinnen – nicht zuletzt zwei deutsche Meisterschaften (2008/2010) sprechen zudem für sich.

Es ist gut möglich, dass Modelle nach dem Vilsbiburger Muster nach Corona eine Renaissance erleben. „Ich denke, dass Werte wie Solidität und Verlässlichkeit erst einmal eine neue Wertschätzung bekommen werden“, sagt Kirchner, „auch wenn es sicher die Frage ist, wie lange das anhält.“ Weil halt auch die Wirkung von Hausarrest nicht unbedingt eine bleibende ist.

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