„Ich hatte das ganze Corona-Gerede satt“

von Redaktion

Das südafrikanische Ehepaar Hilda und Collin Allin absolvierte einen Marathon auf dem Balkon

München – Verrückter geht es kaum. Das südafrikanische Ehepaar Hilda und Collin Allin hat in seiner Corona-Isolationszeit in Dubai auf seinem rund 19 Meter langem Balkon einen Marathon (42,2 km) absolviert. Rund 2200 Runden in fünf Stunden, neun Minuten und 39 Sekunden. Auch Tochter Geena (10) war während des Marathons im Einsatz: Sie hielt Schilder mit „Start“ und „Wenden“ hoch und versorgte ihre Eltern mit Wasser, Snacks und anfeuernder Musik. Warum das alles? Das erzählt Collin Allin (41) im Interview mit unserer Zeitung.

Herr Allin, die Frage nach dem Warum drängt sich förmlich auf.

Wir befinden uns in Dubai in der vierten Woche in Quarantäne, ein weiterer Monat liegt noch vor uns. In der dritten Woche der Isolation hatte ich das ganze Corona-Gerede einfach satt. Alle Leute sind hysterisch und schieben Panik. Ich wollte etwas leisten, dass die Menschen zusammen-bringt und ein anderes Gesprächsthema liefern. Es ging nicht um den Lauf oder um mich, es ging nur darum, positive Energie zu erzeugen und etwas Verrücktes zu machen.

Wie waren die Reaktionen?

Es war unglaublich. Ich habe Radio-Interviews gegeben, und über 100 Onlineseiten haben über uns geschrieben. Das freut mich, die Welt wird sich in den nächsten Wochen und Monaten ändern, und wir sollten diesen Weg mit der richtigen und positiven Einstellung bestreiten.

Wie geht es Ihnen körperlich?

Na ja, wenn du auf einem 18 Meter langen Balkon etwa 2200 Runden drehst, geben dir die Stopp- und Drehbewegung den Rest. Meine Hüfte, meine Knie und mein Fußgelenke sind deutlich angeschlagener als nach einem normalen Lauf.

War das das Schlimmste an der Balkonerfahrung?

Ja, das war herausfordernd, weil es eine so unnatürliche Bewegung ist. Dazu fiel am Anfang Regen, der alles sehr rutschig gemacht hat. Am Ende hatten wir 36 Grad, das Wetter hat also eine gewisse Rolle gespielt. Und obendrein mussten wir 2200 Mal direkt an unserem Bett vorbeilaufen. Psychisch ist das hart (lacht).

Es war nicht Ihr erster Marathon, oder?

Nein, ich habe schon ein paar gemacht, dazu vier Ultramarathons. Aber ich würde mich nicht speziell als Läufer bezeichnen. Meine Bestzeit liegt bei drei Stunden und 25 Minuten, das ist wirklich nichts Besonderes. Für meine Frau war es der erste Marathon überhaupt, sie ist vorher nie weiter als 30 Kilometer gelaufen.

Wie haben Sie sie dazu gebracht?

Sie hat von sich aus entschieden, dass sie mitmachen will. Ich glaube, sie hat nicht wirklich darüber nachgedacht. Als wir dann gelaufen sind, haben neben unseren frenetischen Nachbarn immerhin 7000 Leute im Livestream zugeschaut. Aber das war das Beste, was ihr passieren konnte, so musste sie die Sache durchziehen. Für mich ging der Tag schnell vorbei, es gab keinen Moment, an dem wir die Köpfe haben hängen lassen.

Hätten Sie noch weiterlaufen können?

Man denkt ja meistens, dass mehr geht. Zwischendrin habe ich überlegt, es bis 50 Kilometer durchzuziehen, weil das die Grenze zum Ultramarathon ist. Bis dahin war es nicht mehr weit. Aber wenn ich in den Tagen danach in meinem Körper gehorcht habe, bin ich froh, dass ich es nicht gemacht habe. Eineinhalb Stunden mehr hätte ich geschafft, aber es hätte mich zerstört.

Zerstörerisch wirkt leider auch das Coronavirus. Haben Sie Angst um Ihre Heimat Südafrika?

Präsident Ramaphosa hat schnell, hart und richtig reagiert, aber Teile der Bevölkerung belächeln das Virus noch oder denken, es ist ein Problem der Weißen. Dabei haben viele Südafrikaner wegen Aids & Co. ohnehin ein angeschlagenes Immunsystem, dazu kommt das schlechte Gesundheitssystem. Unserem Land steht ein großer Kampf bevor, wenn sich Corona in den Townships ausbreitet. Und das wird es. Meine Herz blutet jeden Tag, es ist eine tickende Zeitbombe.

Interview: Mathias Müller

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