„Ich darf nur nicht verfetten . . .“

von Redaktion

Laser-Weltmeister Buhl über die Olympia-Verlegung, sein Ersatzprogramm und die Spiele 2024

München – Das Allgäu hat viele große Sportler hervorgebracht, die meisten von ihnen wie Skilegende Hansjörg Tauscher, Snowboarderin Selina Jörg und Skispringer Karl Geiger sind im Wintersport zu Hause. Anfang 2020 ist ein erfolgreicher Sommersportler dazugekommen: Philipp Buhl, 30, der erste deutsche Segler seit 20 Jahren, der den WM-Titel in einer olympischen Klasse gewonnen hat. Auch bei den Spielen in Tokio hätte der Laser-Spezialist zum engen Favoritenkreis gehört – die Corona-Pandemie hat ihm dieses Ziel fürs Erste durchkreuzt. Wir sprachen mit dem Allgäuer über ein Jahr, das er dennoch nicht als verlorenes Jahr ansieht.

Hallo Herr Buhl, wo erwischen wir Sie gerade?

Ich bin jetzt schon einige Wochen in Sonthofen. Das ist am sinnvollsten, weil man ja nicht weiß, wie lange wir noch eingesperrt werden. So sehe ich wenigstens meine Familie und meine Freundin. Und trainieren kann ich auch besser im Allgäu, wobei das momentan in die zweite Rangordnung gerückt ist.

Am Olympia-Stützpunkt in Kiel ist vermutlich nicht viel los im Moment.

Ja, und auch sonst nicht. Zuletzt war ich mit meiner internationalen Trainingsgruppe auf Mallorca. Von dort sind wir mehr oder weniger geflüchtet, als sich dort die Quarantänevorschriften verschärft haben. Ich dachte da nur: Jetzt auf dem schnellsten Wege nach Hause.

Das IOC hat sich ja relativ lange Zeit gelassen, um die Spiele zu verschieben. Richtig so aus Ihrer Sicht?

Ich hab absolut Verständnis dafür gehabt, dass man sich lange eine Restchance offen gehalten hat, die Spiele doch stattfinden zu lassen. Um ehrlich zu sein: Ich tu’ mich auch nach wie vor schwer damit, dieses Virus einzuordnen. Ist es jetzt supergefährlich? Oder relativ harmlos und wir pushen es hoch? Aber um auf die Kernfrage zurückzukommen: Olympia ist ein Riesenevent und ich war einfach nur happy, dass die Spiele nicht abgesagt, sondern nur verschoben wurden.

Wie haben Sie die Wochen bis zur endgültigen Entscheidung erlebt?

Anfangs habe ich die Verlegung befürchtet, dann erwartet – und irgendwann auch erhofft. Für uns Sportler wäre es das Schlimmste gewesen, wochenlang ins Ungewisse zu trainieren. Einen Ruderer trifft das vielleicht noch mehr, weil er jeden dritten Tag in den Kübel kotzt, wenn er so ans Limit gehen muss. Das ist bei mir ein bisschen anders, nervt aber trotzdem. Am Ende ist die Verlegung kein Weltuntergang. Monatelang im Wohnzimmer Liegestützen machen und dann aus der kalten Hose Olympische Spiele zu bestreiten, womöglich ohne Zuschauer und mit schlecht trainierten Sportlern – das wäre auch nicht ideal gewesen.

In Ihrer Segelklasse ist man allein auf dem Wasser. Gehen Sie trotzdem von einer längeren Pause aus?

Es ist schwierig, eine Prognose abzugeben. Ich denke, dass vor dem Sommer nicht mehr viel passiert, aber wichtig für uns sind ja vor allem die letzten 150 Tage vor den Spielen. Solange bis Juli 2021 nicht die Grundfitness weg ist oder ich verfette, ist alles in Ordnung.

Müssen Sie als Weltmeister in die Qualifikation oder sind Sie gesetzt?

Es gibt drei Qualifikationswettkämpfe, und die sind in der Laserklasse alle beendet. Nur wenn die Spiele weiter in Richtung 2022 verschoben worden wären, hätten wir das noch mal aufgerollt. Stand jetzt darf ich mich als qualifiziert betrachten.

Wie viele Laser-Segler auf diesem Niveau gibt es eigentlich in Deutschland?

Im Bundeskader sind wir zwei, drunter ist der Nachwuchskader. National messe ich mich mit meinem Trainingspartner (Nik Wilhelm aus Schleswig, 23/Red.).

Steht schon fest, wie Sie das Jahr sportlich nutzen werden?

Unabhängig von Olympia hatte ich für September einen anderen Wettkampf geplant – in der nichtolympischen Moth-Klasse. Für mich ist das eine Mischung aus Freizeit und Weiterbildung – weil sich bei den Regatten eine internationale Elite aus verschiedensten Segelbereichen trifft. Ich bin jetzt zehn Jahre fast nur Laser gesegelt und hab festgestellt, dass das Moth-Segeln meine Augen wieder zum Leuchten bringt.

Das klingt, als wären Sie des Laser-Segelns ein wenig überdrüssig?

Grundsätzlich bin ich jemand, der den Leistungssport als Riesenprivileg sieht. Es gibt viele superschöne Erlebnisse, die andere nie haben werden, auf der anderen Seite aber auch Aspekte, die auf Dauer weniger schön sind: Intervalltraining, Boote und Container verladen oder bei Schweinekälte aufs Wasser müssen . . . Dazu kommt, dass der Laser kein so schnelles Boot ist, dass er immer einen Adrenalinkick beschert.

Warum sind Sie denn dann Ihre ganze Karriere beim Laser geblieben?

Weil ich von der Statur und vom Gewicht her am besten zu dieser Bootsklasse passe – und weil ich sie am besten beherrsche. Für eine Teambootsklasse müsste ich fünf bis zehn Kilo leichter sein, also ständig im Hungermodus – das würde am Ende auch keinen Spaß machen.

Sie waren ja schon bei Olympia 2016 in Rio dabei. Damals wurden Sie 14. und sprachen von der Enttäuschung Ihres Lebens.

Ich war damals Weltranglistenerster, bin mit dem Revier vor Rio aber nie warm geworden: Chaotisches Strömungsbild, schwierige Winde und der ganze Dreck . . . Vielleicht hatte ich mich zu sehr in diese Dinge vertieft, und wenn du dann am Zweifeln bist, performst du nicht.

Wie liegt Ihnen das Revier vor Tokio?

Deutlich besser. Es ist eine große weite Bucht mit richtig coolem Wind. Auch an Land ist alles viel geordneter. Das Schöne für mich ist, dass ich durch den WM-Titel karrieretechnisch mit mir im Reinen bin. Das entspannt mich – egal was die Zukunft seglerisch noch bringt.

Ist 2020 für Sie am Ende ein verlorenes oder ein gewonnenes Jahr?

Seit klar ist, dass Olympia verschoben wurde, bin ich in einer Art Entspannungsmodus, ganz bewusst. Ich mache schon noch Sport, zum Beispiel auf dem Indoor-Fahrrad, aber ich versuche jetzt nicht, meine Frühjahrs- oder Olympiaform bis nächstes Jahr aufrecht zu erhalten. Ein bisschen ist es auch eine geschenkte Zeit. Dank Bundeswehr und Sporthilfe habe ich keine finanziellen Einschränkungen, deswegen versuche ich, einfach einen Gang runterzuschalten und die Zeit positiv zu sehen. Ich werde gezwungen, mal etwas weniger zu machen – und dann fange ich in einem halben Jahr von vorne an, dann mit frischer Motivation und Energie.

Werden die Spiele 2021 der Schlusspunkt hinter Ihrer olympischen Karriere?

Muss nicht sein, denn 2024 ist ja dann nur noch drei Jahre entfernt. Ein Katzensprung sozusagen (lacht). Segeln macht mir, glaube ich, mehr Spaß als ein Standard-Bürojob, deshalb geht die Tendenz dahin, dass ich noch eine Kampagne hinterher schiebe.

Interview: Uli Kellner

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